Andere zählen die Tage bis zum Wochenende, in Rottweil zählt man vorsichtshalber schon mal die Stufen: 1.390 sind es, die beim TK Elevator Towerrun am Sonntag, 20. September 2026, zwischen Start und Ziel liegen. Fünf Tage bleiben noch, dann geht es im Testturm über 232 Höhenmeter zur Aussichtsplattform. Wer hier höhere Ziele verfolgt, muss sie sich Schritt für Schritt erarbeiten.
Was 2018 Premiere feierte, war schon 2019 Schauplatz der Deutschen Meisterschaften im Treppenlaufen. Rottweil hat damit einen Wettbewerb, bei dem selbst Ehrgeizige zwischendurch auf dem Absatz kehrtmachen müssen. Wer oben ankommt, steht auf der bundesweit höchsten öffentlichen Besucherplattform auf 232 Metern mit Panorama-Blick bis zu den Alpen – vorausgesetzt, die Augen sind nicht vom Schweiß verklebt.
Die Idee ist inzwischen ein Klassiker mit Geschichte: Am 16. September 2018 fand erstmals ein Lauf durch das Treppenhaus hinauf zur Besucherplattform statt, rund 700 Läuferinnen und Läufer bewältigten die 1.390 Stufen. Schnellster war Christian Riedl in 6:56 Minuten, schnellste Frau Martina Nagel in 9:53 Minuten. Riedls Zeit von damals ist bis heute das Maß aller Dinge – auch 2025 hieß der Sieger wieder Christian Riedl, der bereits als Streckenrekordhalter startete und dieses Mal in 7:16 Minuten ganz oben war. Selbst der Malaysier Wai Ching Soh, der die Weltrangliste anführt, blieb 2024 mit 7:07 Minuten elf Sekunden über dem Rekord. Bei den Frauen hält die deutsche Meisterin aus Konstanz, Verena Schmitz, mit 9:07 Minuten die Bestmarke – Sarah Seher verfehlte sie 2025 in 9:08 Minuten nur um eine Sekunde.
Aus dem Geheimtipp ist längst ein Massenphänomen geworden: 1.277 Sportler aus 23 Nationen haben im vergangenen Jahr die 1.390 Treppenstufen erklommen, das Alter der Läuferschar erstreckte sich von sechs bis 78 Jahren. Für die siebte Auflage werden rund 1.200 Athletinnen und Athleten, vom ambitionierten Hobbyläufer bis zum internationalen Towerrun-Profi, in der ältesten Stadt Baden-Württembergs erwartet, denn ein besonderes Highlight ist das Finale des Deutschen Towerrunning Cups 2026. Startplätze sind traditionell knapp: Beim letzten Anmeldestart waren die Startnummern innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Ehrfurcht gebührt vor allem der Blaulichtfraktion – ausgerüstet mit Atemschutzgeräten und einer bis zu 25 Kilogramm schweren Einsatzmontur treten die Feuerwehrleute im Zweierteam an.
Der Trost für alle Erschöpften: Wer genug von der Aussicht hat, den bringt der Panoramaaufzug wieder nach unten.
Unser Gastautor Thomas C. Breuer nimmt den bevorstehenden Aufstieg aus sicherer Entfernung zum Anlass, den Bewegungsdrang im Ländle genauer zu betrachten. Bevor seine Glosse das Rottweiler Treppenhaus erreicht, führt sie allerdings erst einmal in den Stuttgarter Landtag. Schließlich ist sportlicher Ehrgeiz nicht die einzige Triebfeder für Menschen, die nach oben wollen.
Tower Run 2026 – straight outta Rottweil!
Eine Glosse von Thomas C. Breuer
13. Mai 2026. Cem Özdemir (The Wizard of Öz) wird im Stuttgarter Landtag zum Ministerpräsidenten gewählt. Der neue Landtagspräsident Thomas Strobl überreicht ihm nach der Gratulation ein Laufshirt, als Symbol dafür, dass in der Politik Ausdauer gefragt ist. (12. Dezember 1985: Joschka Fischer wird in Wiesbaden zum neuen Minister für Umwelt und Energie vereidigt. Dazu trägt er weiße Turnschuhe – und ist damit seiner Zeit meilenweit voraus.)
2017 wurde in Sierra Leone das Joggen verboten. Anders ist es in Baden-Württemberg, da existiert eine Massenbewegung für mehr Bewegung. Laufwettbewerbe haben stets Volksfestcharakter, bei denen der Verkehr ganzer Innenstädte oder Dörfer lahmgelegt werden kann. Bunt gewandet rennen sie drauf los, jeder mit seiner eigenen Laufmasche. Laufende Ermittlungen haben eine bunte Auswahl generiert: Neckarufer-parkrun in Esslingen. Würmersheimer Speckkälblelauf (im Ernst!). Der Rainforest Run in Freiburg inklusive Einlauf in der Uniklinik, um wetterfeste Kleidung wird gebeten. Landesweit erleben wir Blitzermarathons. Tübingen liefert Queerfeldein über die Neckarwiesen. Halbmarathon Sigmaringen (wo genau findet die andere Hälfte statt?). Der Lauf der Dinge in Schwäbisch Hall, der Lauf-Lauf in der Ortenau, ganz in der Nähe davon der Kehler Rheinuferlauf. Esoteriker freuen sich über den Schwarzwald-Sonnenwendlauf in Seelbach. Feuerwehrläufe gibt es unter anderem in Karlsruhe (Leuchtathletik?) und in Löffelstelzen (Lauffeuerwerk). Schließlich der Dünenlauf in Sandhausen (echt jetzt), der Eschach-Wandermarathon und der Weingartner Lebenslauf (selbigen bitte bei der Bewerbung mit einreichen.) Die Frage nach dem Warum sei gestattet: bereiten sich die TeilnehmerInnen flinken Fußes lediglich darauf vor, um eines Tages gegebenenfalls auf der Hurtigruten davonlaufen zu können? Rennweg ist nebenbei ein Ortsteil von Kippenheim in der Ortenau. Läuft bei dir?
Regelmäßig katapultieren sich neue Feiertage in den Laufkalender, Express-Kult sozusagen. Das ist der Lauf der Dinge. Seit 2018 ist der TK Elevator Tower Run am dritten Sonntag im September das Event in der Reichsstadt – das Prinzip ist einfach: Man nehme einen Tower, auf deutsch neuerdings ebenfalls „Tower“ und bestücke diesen mit ausreichend LäuferInnen. Besonders bewährt haben sich dabei Fachkräfte, die gut im Türmen sind. 1390 Stufen auf 232 Metern verteilt, 1100 Startplätze, da kommt einiges zusammen. Kurz nach Bekanntgabe des Premierentermins setzt ein ungeheurer Run ein, und seither sind sämtliche Startplätze so schnell vergeben wie die Tickets für ein Konzert von Taylor Swift. Auch für den 20. September ist man ausgesucht ausgebucht. Es nützt jetzt also nichts mehr, die Beine in die Hand zu nehmen. Wenn die Teilnehmer oben am Ziel ankommen, dürften die meisten von ihnen platt sein – es heißt nicht umsonst „Besucherplattform“. Auf das Siegertreppchen hat man verzichtet, da die Gewinner vom Treppensteigen sicher genug haben.
Düsen, eilen, fliegen, flitzen, pesen, preschen und was das Synonymenlexikon sonst noch so hergibt, gerannt wird stets in verschiedenen Kategorien. Feuerwehrleute erklimmen die Treppen mit Atemschutzgeräten, für Polizisten gibt es eine eigene Wertung: direkt vor ihnen werden zur Steigerung der Motivation Verbrecherteams auf die Piste geschickt – oder halt Kriminellinnen. Generell ziehen Großveranstaltungen häufig Gesocks an, in diesem Fall skrupellose Sauerstoffhändler. Tower reimt sich auf Power, was auf deutsch Kraft bedeutet, das sich wiederum auf Saft reimt. Turm böte als Optionen lediglich Wurm bzw. Sturm. Lediglich Ulm hat in einer ähnlichen Kategorie den BITE Münsterturmlauf zu bieten, vielleicht heißt es auch Monsterturmlauf, das muss geklärt werden. Beide Veranstaltungen sind heiße Anwärter auf einen Platz im Metropolitan Museum of Modern Walking.
Zurück nach Rottweil – hoffentlich gibt es keine Baustellen auf dem Weg nach oben – wäre andererseits die einzige Strecke in der Stadt ohne. Wird die Neckarline voll integriert? Wieso heißt es eigentlich: die Sieger in der Reihenfolge ihres Einlaufs? Kriegen die zur Belohnung nach all den Strapazen auch noch einen verpasst? Allmächtiger! Hoffentlich wartet wenigstens ein Shower nach dem Tower.
Selbst wenn die Verehrung des Turmes an babylonische Gepflogenheiten erinnert – Rottweil hat mit diesem Bauwerk eindeutig einen Leuchtturm hinzugewonnen, selbst wenn sich die anderen Türme der Region seither etwas zurückgesetzt fühlen. The Power Run – straight outta Rottweil! Nach knapp sieben Minuten ist für den Sieger Schicht im Schacht. Wem diese Art der Fortbewegung zu beschwerlich erscheint: Neben dem Treppenhaus gibt es einen Aufzug.
© Thomas C. Breuer September 2026
Zur Person
Thomas C. Breuer, geboren am 5. Oktober 1952 in Eisenach, ist Schriftsteller und Kabarettist. Seit 2003 lebt er in Rottweil – wenn er nicht mit der Deutschen Bahn oder den SBB unterwegs ist.
Von 1977 bis 2018 stand er in Deutschland, der Schweiz und Nordamerika auf Kleinkunstbühnen – über 3.300 Auftritte kamen zusammen. Von 1992 bis 2018 gehörte er zum Ensemble des legendären Radio-Kabaretts „Heidelberger Zungenschlag” (SWR2). Daneben arbeitete er regelmäßig fürs Radio, unter anderem für SWF3, SDR, SWR, WDR, RIAS Berlin und das Schweizer Radio SRF1.
2014 wurde Breuer mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet, dem bedeutendsten Radio-Kabarettpreis im deutschsprachigen Raum. Er hat knapp über vierzig Bücher veröffentlicht, darunter Romane und Satiren, unter anderem im MaroVerlag.
Seine Kabarettkarriere beendete er 2018 in Deutschland und 2019 in der Schweiz – dort tritt er gelegentlich noch mit einem literarischen Programm gemeinsam mit seinem Kollegen Bänz Friedli auf. Heute lebt er vorwiegend als freier Autor und Vorleser eigener Texte.
Mehr zu Thomas C. Breuer: tc-world.com
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