Auf dem Nachbarschaftsportal nebenan.de sucht ein Mann aus dem Rottweiler Teilort Hausen eine ernsthafte Partnerin. Er sei Chirurg, Witwer, seit sechs Jahren allein. Die NRWZ hat geantwortet – und bekam eine Nachricht zurück, die das Muster einer bekannten Betrugsmasche lückenlos abbildet. Unter dem Beitrag melden sich unterdessen die ersten Frauen aus der Region.
Der Beitrag steht seit Samstagmorgen in der Rubrik „Suche“. Ein Nutzer, der als Daniel O. angezeigt wird, stellt sich vor: alleinstehend, auf der Suche nach einer ernsthaften Partnerin, seit sechs Jahren Single, nachdem er seine Frau durch Krebs verloren habe. Beruflich sei er Chirurg. Wer Interesse habe, könne ihm gerne eine private Nachricht mit der Telefonnummer oder dem Telegram-Kontakt schicken.
Eine Nachbarin – also Nutzerin des Portals nebenan.de – reagiert prompt und knapp: „ja genau! Und Montags regnets bei sonnigem Schnee Eichhörnchen!“ Dazu zwei Emojis. Es ist die kürzestmögliche Form von: Das glaubt dir hier niemand. Die Nutzerin bleibt damit allein.
Denn unter dem Beitrag sammeln sich inzwischen freundliche Antworten. Eine Nutzerin wünscht ihm viel Erfolg, es sei heutzutage sehr schwer, jemanden mit ernsten Absichten kennenzulernen. Eine andere erkundigt sich nach seinem Alter. Eine dritte schreibt am Abend, das sei ja mal eine nette Anzeige. Der Account antwortet jeder einzelnen und schickt sie in die private Nachricht: Du kannst mir eine private Nachricht schreiben, und wir können uns kennenlernen.Genau dorthin soll das Gespräch. Damit ist der Fall keine Kuriosität mehr, sondern ein laufender Betrugsversuch mit echten Adressatinnen aus der Region. Die NRWZ hat Daniel O. geschrieben – als Mann, unter männlichem Vornamen, ohne etwas zu verbergen.
Die Antwort kam trotzdem
„Hallo Peter“, beginnt die Nachricht, die acht Stunden später im Postfach liegt. Dass die Kontaktanzeige eine Partnerin suchte und nun ein Mann antwortet, fällt dem Absender nicht auf. Das allein ist aufschlussreich: Hier arbeitet niemand mit echtem Interesse, hier läuft eine Vorlage, die an jeden ausgespielt wird, der reagiert.
Der Inhalt liefert den entscheidenden Baustein nach. Er sei freiberuflicher Chirurg und arbeite derzeit nicht in einem Krankenhaus, sondern „im Auftrag der Europäischen Union in einem Flüchtlingslager im Jemen“. Ein Videoanruf sei leider nicht möglich – Sicherheitsbestimmungen. Man könne sich aber gerne per E-Mail austauschen.
Die Europäische Union betreibt keine eigenen Feldlazarette im Jemen. Sie finanziert über ihr Amt für humanitäre Hilfe Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen oder das Rote Kreuz, und diese stellen ihr Personal selbst an. Freiberufliche Chirurgen „im Auftrag der EU“ gibt es in dieser Form nicht. Die Formulierung klingt offiziell, lässt sich aber nirgends nachprüfen.


Warum der Videoanruf immer scheitert
Der eigentliche Kern der Nachricht ist die Absage an das Videotelefonat. Ein Videobild würde das Profilfoto sofort entwerten – bei dieser Masche stammen die Bilder fast immer von echten Menschen, die selbst nichts davon wissen und oft aus Kliniksseiten oder Karrierenetzwerken kopiert wurden. Jede Begründung, warum jemand sein Gesicht partout nicht zeigen kann, ist deshalb das Warnsignal.
Auch das Krisengebiet ist kein Zufall. Der Jemen als Kulisse erklärt später alles, was erklärt werden muss: das blockierte Gehalt, die Zollgebühr für ein Paket, die Kosten für eine vorzeitige Ausreise. Fachleute nennen das Love Scamming oder Romance Scam. Der erste Geldwunsch kommt typischerweise nach zwei bis vier Wochen intensiven Schriftwechsels, wenn eine emotionale Bindung entstanden ist. Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg und die Verbraucherzentrale warnen seit Jahren davor, die Schadenssummen reichen im Einzelfall bis in den sechsstelligen Bereich.
Neu ist der Ort
Bemerkenswert an diesem Fall ist weniger die Masche selbst als der Schauplatz. Solche Ansprachen wandern von Partnerbörsen und Facebook-Gruppen zunehmend auf Nachbarschaftsplattformen. Der Grund liegt auf der Hand: Dort herrscht ein Vertrauensvorschuss. Wer auf nebenan.de liest, geht davon aus, dass ihm Menschen aus dem eigenen Ort schreiben. Eine Ortsangabe wie „Hausen“ tut ihr Übriges.
Auffällig ist auch, dass in beiden Nachrichten der Wechsel weg von der Plattform gesucht wird: erst Telegram, dann E-Mail. Auf nebenan.de gibt es Moderation und eine Meldefunktion, im privaten Messenger nicht. Das Portal selbst blendet über privaten Nachrichten einen Warnhinweis ein. Er stand in diesem Fall direkt über dem Betrugsversuch.
Woran man es erkennt
Das Muster ist über Jahre stabil geblieben und lässt sich an wenigen Punkten festmachen. Eine Trauergeschichte, die Mitgefühl erzeugt und Nachfragen abblockt. Ein Beruf mit hohem Ansehen, meist Arzt, Ingenieur oder Soldat. Ein Aufenthalt weit weg, gerne in einem Krisengebiet oder auf einer Bohrinsel. Ein schneller Wunsch, den Kontakt auf einen anderen Kanal zu verlegen. Und eine glatte, leicht steife Sprache, die klingt, als sei sie übersetzt worden.
Wer so etwas erhält, sollte nicht antworten, den Beitrag über die Meldefunktion des Portals anzeigen und kein Geld überweisen – auch keine kleinen Beträge und keine Gutscheincodes. Wer bereits gezahlt hat, sollte Anzeige bei der Polizei erstatten. Peinlich ist das nicht: Die Texte sind darauf ausgelegt, genau an der Stelle zu wirken, an der jeder Mensch angreifbar ist.
Und wer im Bekanntenkreis jemanden kennt, der gerade in einem solchen Schriftwechsel steckt, sollte das Gespräch suchen. Die Erfahrung der Beratungsstellen zeigt, dass Betroffene Warnungen von außen zunächst abwehren. Der Hinweis auf den nie zustande kommenden Videoanruf wirkt dabei oft besser als jeder allgemeine Verdacht.
