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Der Chirurg aus Rottweil-Hausen, der nie in die Kamera schaut: nebenan.de reagiert auf Love Scamming

Wie ein angeblicher Chirurg aus dem Jemen in der Nachbarschaft nach Liebe sucht – und woran die Redaktion die Masche erkannte.

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Lesezeit 9 Min.
Symbol-Bild: Mohamed Hassan

Auf dem Nachbarschaftsportal nebenan.de sucht ein Mann aus dem Rottweiler Teilort Hausen eine ernsthafte Partnerin. Er sei Chirurg, Witwer, seit sechs Jahren allein. Die NRWZ hat geantwortet – und bekam eine Nachricht zurück, die das Muster einer bekannten Betrugsmasche lückenlos abbildet. Unter dem Beitrag melden sich unterdessen die ersten Frauen aus der Region.

Update vom 16. September 2026: Das Konto ist inzwischen gesperrt. nebenan.de hat der NRWZ in zwei Durchgängen ausführlich geantwortet, unter anderem auf die Frage, warum die Plattform Kontaktierte nicht von sich aus warnt. Die Stellungnahme steht weiter unten.

Der Beitrag stand seit Samstagmorgen in der Rubrik „Suche“. Ein Nutzer, der als Daniel O. angezeigt wird, stellt sich vor: alleinstehend, auf der Suche nach einer ernsthaften Partnerin, seit sechs Jahren Single, nachdem er seine Frau durch Krebs verloren habe. Beruflich sei er Chirurg. Wer Interesse habe, könne ihm gerne eine private Nachricht mit der Telefonnummer oder dem Telegram-Kontakt schicken.

Eine Nachbarin – also Nutzerin des Portals nebenan.de – reagiert prompt und knapp: „ja genau! Und Montags regnets bei sonnigem Schnee Eichhörnchen!“ Dazu zwei Emojis. Es ist die kürzestmögliche Form von: Das glaubt dir hier niemand. Die Nutzerin bleibt damit allein.

Denn unter dem Beitrag sammeln sich inzwischen freundliche Antworten. Eine Nutzerin wünscht ihm viel Erfolg, es sei heutzutage sehr schwer, jemanden mit ernsten Absichten kennenzulernen. Eine andere erkundigt sich nach seinem Alter. Eine dritte schreibt am Abend, das sei ja mal eine nette Anzeige. Der Account antwortet jeder einzelnen und schickt sie in die private Nachricht: Du kannst mir eine private Nachricht schreiben, und wir können uns kennenlernen.Genau dorthin soll das Gespräch. Damit ist der Fall keine Kuriosität mehr, sondern ein laufender Betrugsversuch mit echten Adressatinnen aus der Region. Die NRWZ hat Daniel O. geschrieben – als Mann, unter männlichem Vornamen, ohne etwas zu verbergen.

Die Antwort kam trotzdem

„Hallo Peter“, beginnt die Nachricht, die acht Stunden später im Postfach liegt. Dass die Kontaktanzeige eine Partnerin suchte und nun ein Mann antwortet, fällt dem Absender nicht auf. Das allein ist aufschlussreich: Hier arbeitet niemand mit echtem Interesse, hier läuft eine Vorlage, die an jeden ausgespielt wird, der reagiert.

Der Inhalt liefert den entscheidenden Baustein nach. Er sei freiberuflicher Chirurg und arbeite derzeit nicht in einem Krankenhaus, sondern „im Auftrag der Europäischen Union in einem Flüchtlingslager im Jemen“. Ein Videoanruf sei leider nicht möglich – Sicherheitsbestimmungen. Man könne sich aber gerne per E-Mail austauschen.

Die Europäische Union betreibt keine eigenen Feldlazarette im Jemen. Sie finanziert über ihr Amt für humanitäre Hilfe Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen oder das Rote Kreuz, und diese stellen ihr Personal selbst an. Freiberufliche Chirurgen „im Auftrag der EU“ gibt es in dieser Form nicht. Die Formulierung klingt offiziell, lässt sich aber nirgends nachprüfen.

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Die Anzeige auf nebenan.de, abgerufen am Montagabend, zwei Tage nach dem Erscheinen. Das Profilbild haben wir unkenntlich gemacht, falls es sich bei der abgebildeten Person um einen Menschen handelt, der von der Anzeige nichts weiß. Screenshot: nrwz
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Die Antwort von „Daniel“. Screenshot: nrwz

Warum der Videoanruf immer scheitert

Der eigentliche Kern der Nachricht ist die Absage an das Videotelefonat. Ein Videobild würde das Profilfoto sofort entwerten – bei dieser Masche stammen die Bilder fast immer von echten Menschen, die selbst nichts davon wissen und oft aus Kliniksseiten oder Karrierenetzwerken kopiert wurden. Jede Begründung, warum jemand sein Gesicht partout nicht zeigen kann, ist deshalb das Warnsignal.

Auch das Krisengebiet ist kein Zufall. Der Jemen als Kulisse erklärt später alles, was erklärt werden muss: das blockierte Gehalt, die Zollgebühr für ein Paket, die Kosten für eine vorzeitige Ausreise. Fachleute nennen das Love Scamming oder Romance Scam. Der erste Geldwunsch kommt typischerweise nach zwei bis vier Wochen intensiven Schriftwechsels, wenn eine emotionale Bindung entstanden ist. Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg und die Verbraucherzentrale warnen seit Jahren davor, die Schadenssummen reichen im Einzelfall bis in den sechsstelligen Bereich.

Neu ist der Ort

Bemerkenswert an diesem Fall ist weniger die Masche selbst als der Schauplatz. Solche Ansprachen wandern von Partnerbörsen und Facebook-Gruppen zunehmend auf Nachbarschaftsplattformen. Der Grund liegt auf der Hand: Dort herrscht ein Vertrauensvorschuss. Wer auf nebenan.de liest, geht davon aus, dass ihm Menschen aus dem eigenen Ort schreiben. Eine Ortsangabe wie „Hausen“ tut ihr Übriges.

Auffällig ist auch, dass in beiden Nachrichten der Wechsel weg von der Plattform gesucht wird: erst Telegram, dann E-Mail. Auf nebenan.de gibt es Moderation und eine Meldefunktion, im privaten Messenger nicht. Das Portal selbst blendet über privaten Nachrichten einen Warnhinweis ein. Er stand in diesem Fall direkt über dem Betrugsversuch.

Die Plattform hat gesperrt

Die NRWZ hat nebenan.de nach Erscheinen dieses Artikels einen Fragenkatalog geschickt. Eine Sprecherin antwortete am folgenden Tag. Zu einzelnen Nutzerkonten äußere man sich aus Datenschutzgründen grundsätzlich nicht. Generell gelte: Gemeldete Verdachtsfälle prüfe man umgehend, bestätige sich ein Betrugsversuch, werde das Konto gesperrt – „wie auch in diesem Fall umgehend erfolgt“.

Der Schutz der Nachbarschaften vor Betrugsversuchen habe hohe Priorität. Neuanmeldungen würden mit einer Kombination aus technischen und manuellen Verfahren geprüft, zentraler Baustein sei die Verifizierung der Adresse; Details lege man aus Sicherheitsgründen nicht offen. Da kein Verfahren vollständigen Schutz vor Missbrauch biete, kämen Meldemöglichkeiten für die Community und eine laufende Moderation hinzu.

Aufschlussreich ist eine weitere Auskunft. Kontaktanzeigen wertet die Plattform „als Mischung aus Belästigung und fehlendem Nachbarschaftsbezug“ und löscht sie unter Verweis auf ihre Beitrags- und Kommentarrichtlinien. Der Beitrag aus Hausen verstieß damit bereits gegen die Regeln, bevor überhaupt ein Betrugsverdacht im Raum stand. Online blieb er trotzdem mehr als zwei Tage – lange genug für mehrere Antworten aus der Nachbarschaft.

Warum die Plattform nicht von sich aus warnt

Offen bleibt, was mit denen geschieht, die dem Konto schon privat geschrieben haben. Wer einen Verdachtsfall selbst gemeldet habe, werde über das Ergebnis informiert, teilt die Sprecherin mit. Weitere Personen, die möglicherweise Kontakt zu einem später gesperrten Konto hatten, könne man nicht proaktiv benachrichtigen, insbesondere dann nicht, wenn der Kontakt über Privatnachrichten lief: Deren Inhalte dürfe man gesetzlich nicht scannen.

Die NRWZ hat dagegen eingewandt, dass eine Warnung keinen Blick in die Inhalte erfordert: Dass zwischen zwei Konten überhaupt Nachrichten ausgetauscht wurden, ergibt sich aus den Verbindungsdaten, nicht aus dem, was darin steht. Die Plattform räumt das ein – und hält die Warnung trotzdem für den falschen Weg.

Die Begründung hat zwei Teile. Der erste: Die bloße Tatsache eines Kontakts sage nichts darüber aus, ob tatsächlich ein Betrugsversuch stattgefunden habe. Viele Kontakte seien belanglos oder blieben unbeantwortet. Eine pauschale Warnung an alle Kontaktpersonen würde deshalb „eine große Zahl von Menschen alarmieren, denen nichts geschehen ist, und zugleich die gemeldete Person gegenüber ihrem Umfeld vorverurteilen“. Im Fall einer Fehleinschätzung – etwa nach einer Kontoübernahme oder einer unberechtigten Meldung – würde jemand fälschlich als Betrüger markiert. Das wiegt auf einer Plattform schwer, die auf Klarnamen und verifizierter Adresse aufbaut: Der Verdacht träfe einen Menschen, der mit Namen und Wohnort in der eigenen Nachbarschaft steht.

Der zweite Teil ist datenschutzrechtlich. Die Vertraulichkeit privater Kommunikation umfasse nach dem Verständnis der Plattform nicht nur die Inhalte, sondern auch die Umstände, also wer mit wem kommuniziert habe. Diese Verbindungsdaten fielen für den technischen Betrieb an; sie systematisch auszuwerten, um daraus Kontaktnetzwerke und Warnungen abzuleiten, wäre mit den Grundsätzen der Zweckbindung und Datenminimierung kaum vereinbar. Über diesen zweiten Punkt lässt sich juristisch streiten. Der erste trägt auch ohne ihn.

Der Ansatz ist deshalb anlassbezogen: Jedes Profil und jeder Inhalt lässt sich melden, das Community-Management prüft die Meldung, wer einen Verdacht meldet, erhält eine Rückmeldung. Bestätigte Fake-Profile würden konsequent entfernt, auffällige Profile zusätzlich aktiv geprüft, der Hilfebereich kläre über Warnsignale auf. „So lief es auch im vorliegenden Fall: gemeldet, geprüft, entfernt.“ Das Konto verschwand also auf eine Meldung hin, nicht durch eine eigene Erkennung der Plattform.

Für die Frauen, die auf die Anzeige aus Hausen reagiert haben, bleibt es damit bei einem Ergebnis: Wer nicht selbst gemeldet hat, erfährt von der Sperrung nur, wenn er davon liest. Das ist die Kehrseite einer Abwägung, die auf der anderen Seite gute Gründe hat.

Eine allgemeine Bearbeitungszeit für Meldungen nennt die Plattform nicht. Wie schnell ein gemeldetes Profil geprüft werde, hänge von der Dringlichkeit ab, von der Aussagekraft der Meldung und vom nötigen Prüfungsumfang; man bearbeite alle Meldungen so schnell wie möglich, eine allgemeingültige Angabe sei bei den unterschiedlichen Fallkonstellationen nicht möglich.

Mit Strafverfolgungsbehörden arbeite man im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben zusammen, wenn dies erforderlich sei. Zu laufenden oder möglichen Ermittlungsverfahren äußere man sich grundsätzlich nicht. Aggregierte Zahlen zu den eigenen Moderationsmaßnahmen veröffentlicht nebenan.de in seinem Transparenzbericht nach dem Digital Services Act; die Ausgabe für 2025 steht seit März 2026 online.

Als eigenes Schutzniveau nennt die Plattform ihr Verifizierungsprinzip: Klarname und geprüfte Adresse seien „eine deutlich höhere Hürde für Betrüger als auf anonymen Plattformen“. Der Fall aus Hausen zeigt allerdings auch, wo diese Hürde endet. Wer sie einmal genommen hat, profitiert anschließend genau von dem Vertrauen, das sie erzeugt.

Woran man es erkennt

Das Muster ist über Jahre stabil geblieben und lässt sich an wenigen Punkten festmachen. Eine Trauergeschichte, die Mitgefühl erzeugt und Nachfragen abblockt. Ein Beruf mit hohem Ansehen, meist Arzt, Ingenieur oder Soldat. Ein Aufenthalt weit weg, gerne in einem Krisengebiet oder auf einer Bohrinsel. Ein schneller Wunsch, den Kontakt auf einen anderen Kanal zu verlegen. Und eine glatte, leicht steife Sprache, die klingt, als sei sie übersetzt worden.

Wer so etwas erhält, sollte nicht antworten, den Beitrag über die Meldefunktion des Portals anzeigen und kein Geld überweisen – auch keine kleinen Beträge und keine Gutscheincodes. Wer bereits gezahlt hat, sollte Anzeige bei der Polizei erstatten. Peinlich ist das nicht: Die Texte sind darauf ausgelegt, genau an der Stelle zu wirken, an der jeder Mensch angreifbar ist.

Und wer im Bekanntenkreis jemanden kennt, der gerade in einem solchen Schriftwechsel steckt, sollte das Gespräch suchen. Die Erfahrung der Beratungsstellen zeigt, dass Betroffene Warnungen von außen zunächst abwehren. Der Hinweis auf den nie zustande kommenden Videoanruf wirkt dabei oft besser als jeder allgemeine Verdacht.

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