Benachrichtigung

Fast zu Hause: Eine Rottweilerin erzählt Deutschland von ihrem Ankommen

Autor / Quelle:
Lesezeit 7 Min.
Bei einer Europameisterschaft in Kitzingen gewann Olga Nemchenko mit ihrem Design den ersten Platz. Quelle: Instagram

Olga Nemchenko floh 2022 aus Charkiw nach Rottweil. Zum Laubhüttenfest hat sie in der „Jüdischen Allgemeinen“ aufgeschrieben, was aus diesem Anfang geworden ist. Ein Text, der unsere Stadt in einem Licht zeigt, das wir selbst selten sehen.

Diesmal keine Glosse. Diesmal kein Superlativ, kein Ticketpreis, keine verrutschte Altstadt. Am Donnerstag ist in der „Jüdischen Allgemeinen“ – der Wochenzeitung des Zentralrats der Juden in Deutschland – ein Beitrag erschienen, der Rottweil im Titel trägt. Er heißt „Fast zu Hause„, steht im Ressort „Unsere Woche“ und ist kein Bericht über unsere Stadt. Er ist ein Bericht aus ihr heraus. Geschrieben hat ihn Olga Nemchenko, 45. Sie lebt hier. Sie arbeitet hier. Und sie erzählt einem bundesweiten Publikum, wie es sich anfühlt, in Rottweil anzukommen, wenn man nicht hergekommen ist, weil man wollte.

Von Charkiw nach Rottweil, mit einem Koffer

Die Grundzüge, so wie die Autorin sie schildert: Im Oktober 2022 verließ sie ihre Heimatstadt Charkiw mit ihren beiden Kindern. Ein Koffer für drei Menschen, dann der Bus, der aus der Ukraine herausführte. Ihr damaliger Mann war zu diesem Zeitpunkt schon in Rottweil – hier konnte die Familie unterkommen.

Was sie in Charkiw zurückließ, benennt sie ohne Pathos: die Schule der Kinder, die eigene Arbeit als Maniküristin, die Tanzkarriere, die ihr Sohn dort im Blick hatte. Und ihre Großmutter, die nicht mitkommen wollte. Sie ist heute 82 und lebt weiterhin in Charkiw. Täglich telefonieren die beiden. Die Sorge um den kommenden Winter zieht sich durch den ganzen Text. Geblieben ist auch die Angst vor der Rückkehr. Sie und ihre Tochter würden gern wieder reisen, schreibt Nemchenko, aber vier Kriegsjahre haben die Stadt verändert. Dort zu leben, kann sie sich derzeit nicht vorstellen.

Die Gemeinde, die zur Laubhütte wurde

Für Rottweil ist eine Passage besonders bemerkenswert. Nemchenko erinnert daran, dass nach dem russischen Angriff Geflüchtete zunächst in der Synagoge der Rottweiler Gemeinde unterkamen – manche über Monate. Die Israelitische Kultusgemeinde Rottweil/Villingen-Schwenningen habe sich stark engagiert, viele Mitglieder hätten gedolmetscht. Inzwischen, so ihr Stand, haben alle eine Wohnung gefunden.

Und genau hier setzt sie den Gedanken, der dem Text seine Klammer gibt: Diese Monate in der Synagoge erinnern sie an die Laubhütten, in denen die Vorfahren Schutz fanden. Sukkot, das jüdische Laubhüttenfest, beginnt in diesem Jahr Ende September und erinnert an die Wanderung durch die Wüste und an das Leben im Provisorium. Aus einem Gemeindesaal, in dem Menschen übergangsweise schlafen, wird so ein religiöses Bild – und aus einer Fluchtgeschichte ein Festtagstext.

Das ist, mit Respekt gesagt, gutes Schreiben. Und es ist ein Stück Rottweiler Zeitgeschichte, das in dieser Form bei uns noch nicht dokumentiert war.

Was daraus geworden ist

Der zweite Teil des Textes ist der, den man hier nicht erwarten würde, wenn man nur die Statistik kennt. Nemchenko beschreibt, wie sie Deutsch lernte – und bei der ersten Prüfung durchfiel, was sie als schweren Misserfolg empfand. Beim zweiten Versuch klappte es. Rund ein halbes Jahr nach der Ankunft meldete sie ein Gewerbe an. In einem Zimmer ihrer Wohnung richtete sie ein Nagelstudio ein; ihre Kundschaft kommt aus der Ukraine, aus Russland, aus Kasachstan – und aus Rottweil. Bei einer Europameisterschaft in Kitzingen gewann sie mit ihrem Design den ersten Platz.

Trotzdem, und das ist der Satz, der hängen bleibt: Das Einkommen reicht nicht für drei. Also kam ein zweiter Job dazu, bei einem ambulanten Pflegedienst. Jeden Vormittag ist sie im Einsatz, hilft älteren Menschen beim Anziehen, achtet auf Medikamente, kauft ein, geht spazieren. Die Arbeit gefällt ihr, schreibt sie, auch wenn sie anstrengend ist.

Man kann das in einem Halbsatz überlesen. Man kann es aber auch so lesen: Eine Frau, die vor vier Jahren mit einem Koffer hier ankam, pflegt inzwischen unsere Alten und hat sich nebenbei einen Europameistertitel geholt. Führerschein und ein kleines Auto hat sie jetzt auch. Ihr Sohn macht eine Ausbildung zum Tanzlehrer und bringt Pokale nach Hause; er gibt in der Gemeinde Tanzunterricht. Die Tochter besucht eine Realschule, hat schnell Deutsch gelernt, malt – und vermisst die Ukraine. Die Synagoge nennt Nemchenko einen Ankerplatz; am Schabbat geht die Familie zum Gottesdienst.

Der Perspektivwechsel, den wir uns notieren sollten

Es gibt in diesem Text einen Zwischentitel, an dem wir Lokaljournalisten nicht vorbeikommen: Die Autorin kommt aus einer Millionenmetropole und lebt plötzlich in einer kleinen Stadt. Sie habe gedacht, hier gebe es für sie keine Zukunftsperspektive – und sie habe sich geirrt. Rottweil sei eine kleine, gemütliche Stadt, die ihr ein neues Leben geschenkt habe, neue Bekanntschaften, Freunde.

Wir haben in den vergangenen Monaten mehrfach darüber geschrieben, wie auswärtige Redaktionen Rottweil entdecken – als Ausflugsziel, als Turmstadt, als Wochenendtipp mit Hängebrücke. Das ist alles schön und gut für die Übernachtungszahlen. Dieser Text hier ist von anderer Güte. Er sagt nichts über die Aussicht und nichts über die Fassade. Er sagt, dass diese Stadt funktioniert hat, als es darauf ankam – wegen einer Gemeinde, die ihre Räume öffnete, wegen Nachbarn, wegen Kunden, die zu einer Fremden ins Nagelstudio kamen. Das ist die Art Lob, die man nicht bestellen kann.

Und dann der Schlusssatz, auf den alles zuläuft: Am liebsten würde die Autorin ihre Großmutter überreden, nach Rottweil zu kommen. Dann wäre sie noch etwas mehr zu Hause.

Mehr als „fast“.


Zum Weiterlesen: Der vollständige Beitrag „Fast zu Hause“ von Olga Nemchenko steht auf juedische-allgemeine.de im Ressort „Unsere Woche“. Wir empfehlen ausdrücklich, ihn im Original zu lesen – ein Referat ersetzt einen solchen Text nicht.

Zwei Anmerkungen in eigener Sache: Im Namen der Gemeinde hat sich in der Online-Fassung ein Buchstabendreher eingeschlichen – korrekt heißt es Villingen-Schwenningen. Und: Am selben Tag, an dem dieser hoffnungsvolle Text erschien, meldete die „Jüdische Allgemeine“ einen Brandanschlag auf die Synagoge in Wuppertal. Beide Nachrichten stehen auf derselben Seite. Man sollte das nicht trennen.

Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet

Danke, dass Sie die NRWZ lesen.

NRWZ.de ist kostenlos. Damit das so bleibt, brauchen wir Werbeeinnahmen — die funktionieren besser mit Ihrer Einwilligung. Nutzen Sie NRWZ kostenlos mit Werbung oder unterstützen Sie unsere Redaktion mit einer Steady-Mitgliedschaft und lesen dafür werbefrei.

Kostenlos mit Werbung

Der kostenlose Zugang wird durch Werbung finanziert. Dafür bitten wir um Ihre Einwilligung in die dafür notwendigen Cookies und Dienste.

Bereits Mitglied? Dann können Sie sich direkt einloggen:

Werbefrei mit Steady

Mit Steady unterstützen Sie unabhängigen Lokaljournalismus aus der Region und lesen NRWZ ohne Werbung*.

*Frei von Werbung über die externen Anbieter Google und Taboola. Lokale Werbung zeigen wir im Interesse unserer Direktkunden weiterhin an.

Mehr Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung und im Impressum.