Zwischen Wasserturm und Brugger Straße haben die Arbeiten am Rottweiler Fernwärmenetz begonnen. Die ENRW verlegt dort bis voraussichtlich Dezember neue Leitungen, der Verkehr wird umgeleitet. Die Baustelle ist Teil eines größeren Umbaus, bei dem es nicht nur um Rohre geht, sondern auch um die künftigen Wärmequellen.
Wer derzeit zum aquasol oder zur Stadthalle fährt, sieht schon erste Hinweise: Im Bereich des Wasserturms ist der Boden aufgerissen, Rohre liegen bereit, teils schon in der Erde. Auch auf dem ehemaligen Breuchagelände sind die Rohre zwischengelagert worden, bevor sie eingebaut werden. Der Grund: Der Energieversorger ENRW baut hier sein Fernwärmenetz aus.
Den Beginn hatte die ENRW für Montag, 31. August, angekündigt. Gesperrt sollte laut dieser Ankündigung die Brugger Straße auf Höhe von Stadthalle und aquasol, zwischen Stadionstraße und der Abzweigung Krummer Weg sein. Hinzu kommt die Körnerstraße zwischen Brugger und Heerstraße. Die Umleitung führt über die Heerstraße und die Via L’Aquila. Abgeschlossen sein sollen die Arbeiten voraussichtlich im Dezember. In der breiten Fläche haben sie noch nicht begonnen, noch sind die genannten Straßen fast alle befahrbar.
Die Zufahrt für Anlieger und Badegäste des aquasol soll nach Angaben der ENRW „nach Möglichkeit gewährleistet“ bleiben. Eine feste Zusage ist das nicht. Wie lang die neue Trasse wird, wie viele Gebäude zusätzlich angeschlossen werden können und was die Maßnahme kostet, hat die ENRW bislang nicht veröffentlicht.
Gas und Öl prägen die Ausgangslage
Wie groß die Aufgabe ist, zeigt die kommunale Wärmeplanung der Stadt, zuletzt im September 2025 überarbeitet. Sie zählt in Rottweil rund 7.000 Gebäude. In der Bestandsanalyse entfallen rund 71 Prozent der eingesetzten Endenergie auf Erdgas und etwa 16 Prozent auf Heizöl. Nahwärme kommt auf sechs Prozent, Holz und Pellets auf fünf Prozent. Diese Zahlen beziehen sich allerdings auf das Basisjahr 2020, nicht auf den heutigen Stand.
Fernwärme ist nicht automatisch klimaneutral
Neue Fernwärmeleitungen bedeuten nicht zwangsläufig erneuerbare Wärme. Die Heizzentrale am aquasol arbeitet laut Wärmeplan mit einem Erdgas-Blockheizkraftwerk und einem Gaskessel. Auch in Hausen stammte im ausgewerteten Zeitraum 2020 bis 2022 nur gut die Hälfte der Wärme aus der Biogasanlage. Den Rest lieferten ein Erdgas-Blockheizkraftwerk und ein Gaskessel. Der Ausbau des Netzes und die Umstellung der Wärmeerzeugung sind damit zwei getrennte Aufgaben.
Der Plan: Holz und Wärmepumpe in Hausen
Für die Netze aquasol und Hausen beschreibt die Wärmeplanung einen gemeinsamen Verbund. Im Winter soll zusätzlich zur Biogasanlage eine große Holzheizung mit drei bis fünf Megawatt Leistung arbeiten. Im Sommer und in der Übergangszeit soll eine Außenluft-Wärmepumpe mit ein bis zwei Megawatt gemeinsam mit der Biogasanlage den Bedarf decken, vor allem für Warmwasser.
Die Anlagen sollen in Hausen entstehen. Eine Transportleitung soll die Wärme von dort nach Rottweil bringen. Realisiert werden könnte diese Variante laut Plan „bis spätestens 2030“. Das ist ein Planungskonzept, kein bestätigter Bauzeitplan. Ob die neuen Rohre an der Brugger Straße bereits Teil dieses Verbunds sind oder zunächst einer anderen Erweiterung dienen, ist öffentlich nicht bekannt.
Langfristig soll die leitungsgebundene Wärme deutlich wichtiger werden. Im Zielszenario der Wärmeplanung steigt ihr Anteil an der Wärmeerzeugung von 6,2 Prozent auf 15,8 Prozent im Jahr 2030 und auf 35 Prozent im Jahr 2040. Die Hälfte soll dann auf Strom entfallen, vor allem auf Wärmepumpen in einzelnen Gebäuden.
Weitere Baustellen in der Stadt
Die Brugger Straße ist nicht das einzige Vorhaben. In der historischen Innenstadt wird das Münsterviertel schrittweise an die Fernwärme angeschlossen, eine neue Heizzentrale ist im Parkhaus am Kriegsdamm geplant. Leitungen wurden oder werden unter anderem am Kriegsdamm, in der Oberamteigasse und vor der Predigerkirche verlegt.
Der Maßnahmenkatalog der Wärmeplanung nennt außerdem eine Studie zur Nutzung von Abwasserwärme an der Kläranlage In der Au, eine neue Heizzentrale am Hegneberg, den Ausbau in Hausen und die Erweiterung am Omsdorfer Hang und im Kieneweg. Die dort genannten Termine stammen aus dem Planungsstand von 2025.
Nahwärme oder Fernwärme – und wo steht was?
Wer sich als Hauseigentümer informieren will, stößt auf unterschiedliche Begriffe. Die ENRW spricht von Fernwärme. Die Stadt Rottweil schreibt auf ihrer Internetseite fast durchgehend von „Nahwärmenetzen“ auf der Charlottenhöhe und in Hausen, die „möglichst um weitere ergänzt werden“ sollen. Ziel sei es, so wird Bürgermeisterin Ines Gaehn dort zitiert, „Rottweil fit in Sachen Energiewende und Klimaschutz zu machen“.
Das Info-Portal Wärmeplanung der Stadt nennt als Stand noch die Einreichung im Dezember 2023 und die Kenntnisnahme im Gemeinderat im Februar 2024. Die Fortschreibung von 2025 ist dort nicht eingearbeitet. Als konkretes Projekt mit Möglichkeit zur Interessensbekundung ist nur das Wärmenetz im Heilig-Kreuz-Ort ab der Bruderschaftsgasse aufgeführt. Die Baustelle an der Brugger Straße taucht weder dort noch auf den Baustellenseiten der Stadt auf.
Wichtig für Eigentümer: Aus der Wärmeplanung allein ergibt sich kein Anspruch auf einen Anschluss. Die Stadt selbst beschreibt sie als strategische Planung ohne unmittelbare Folgen für einzelne Grundstücke. Wer wissen will, ob ein Anschluss infrage kommt, muss bei der ENRW nachfragen. Bei der Stadt ist das Klimaschutzmanagement unter ksm@rottweil.de erreichbar.
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