Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage, so darf sich die Oswald-von-Nell-Breuning-Schule in Rottweil seit diesem Dienstag nennen, denn sie ist nun offiziell Teil des größten Schulnetzwerks Deutschlands, und das war auch Anlass für eine große Feier im Innenhof des Berufsschulzentrums. Eine durchaus nachdenkliche Feier, denn neben Musik und Reden von Schulleiter Ingo Lütjohann und Landrat Christoph Keckeisen gab es Texte von Schülerinnen, die zeigten, warum ein solches Netzwerk überhaupt gebraucht wird.
„Wie kann der erste Eindruck das letzte Wort haben?”, fragten die jungen Dichterinnen, sprachen von selbstgebauten Schubladen aus Vorurteilen und Brücken statt Mauern, die über die „Abgründe von Kultur” gebaut werden sollten. „Wir bluten alle rot”, so erzählten sie ihre eigenen Erfahrungen von Hass und Ausgrenzung. „Nicht ich bin fremd. Sondern Eure Vorstellung davon, wer dazu gehören darf.”
Die Feier am vorletzten Schultag des laufenden Schuljahres wurde von einer Schülerausstellung aus dem Fach Bildende Kunst sowie der externen Ausstellung „Black Heroes” begleitet, die von erfolgreichen Schwarzen Menschen in Deutschland erzählt. Im Anschluss zeigte die Schule für einige Klassen den 35-minütigen Dokumentarfilm „Rottweil – eine meiner Heimaten” über das Leben von Migrant*innen in und um Rottweil.
30 Prozent der SchülerInnen hier haben bereits Erfahrungen mit Rassismus gemacht, das war dann auch Anlass, dem Schulnetzwerk beizutreten. Denn hier gibt’s nicht nur eine Plakette, sondern jede Menge Unterstützung für den Umgang mit der Problematik. Und das ganz demokratisch: Alle durften mit abstimmen, ob die Schule beitreten soll – 91 Prozent derer, die abgestimmt haben, waren dafür, 9 Prozent dagegen. Während der Feier störten allerdings mehrere Schüler durch lautes Reden, wer genau, blieb unklar.
Davon ließen sich die anderen jedoch nicht abhalten, Schulleiter Ingo Lütjohann dankte dem Organisator der Aktion, Jonas Weber, und seinem Team für das Engagement, Landrat Christoph Keckeisen gratulierte zur Auszeichnung: „Das ist jedoch kein Orden, den man sich einmal ansteckt und das war’s. Es ist ein Auftrag.” Und ein kontinuierlicher Prozess für ein respektvolles Miteinander: Die Schule wolle damit hin- und nicht wegschauen und klar zeigen, dass Rassismus hier keinen Platz hat.
„Wir profitieren hier von einem starken Netzwerk, das hilft, dem gesellschaftlichen Rechtsruck entgegenzuwirken”, betonte Lehrerin Anne Puschner im Gespräch mit der NRWZ. Und so müsse man auch nicht jedem neuen Schüler verklickern, um was es hier gehe. Immerhin sagten viele auch klar, dass sie die AfD wählen, so Puschner. „Wir wollen ein Klima schaffen, in dem man sich respektiert und aktiv die Schulgemeinschaft fördern.”
Für Respekt gegenüber Menschen jeder Herkunft steht auch der Patenverein des Projekts, der Rugby Club Rottweil. Vorsitzender Karl-Heinz Bahr hatte zwei Spieler mitgebracht, Rui Veloso aus Portugal und Sascha Desenberg aus Südafrika – im Rugby stehe man seit jeher für Weltoffenheit und gegen Rassismus, so Bahr, das sehe man auch an den vielen Nationalitäten im Verein.
„Es geht darum zu zeigen, dass Rassismus an dieser Schule keinen Platz hat”, betonte auch Landrat Christoph Keckeisen. Die Schülerinnen Mia Engel und Anna Hirschfeld formulierten es so: „Everyone. Das ist eigentlich, wenn man genau darüber nachdenkt, unglaublich unkompliziert. Viel unkomplizierter als zu unterscheiden. Zwischen Religion, Sexualität, Herkunft, Hautfarbe, Muttersprache, Geschlechtsidentität, Familienform oder Einkommen. Anstatt unsere Zeit mit Ausgrenzung zu verschwenden, sollten wir nach dem suchen, was uns verbindet, was uns alle zu fühlenden, liebenden, wertvollen Menschen macht.”
Hass werde laut in Deutschland, Diskriminierung mache vielen das Leben schwer. „Menschen werden in unserer Gesellschaft aufgrund von Rassismus und anderen Formen von Diskriminierung ausgeschlossen, benachteiligt, verletzt oder sogar ermordet.” Ein großes Problem, „das wir aber nur vor Ort verändern können.” Veränderung, Gleichheit für alle, das sind die Themen, mit denen sich die Schülerinnen und Schüler auch künstlerisch auseinandergesetzt haben: „Es ist essenziell, dass wir über diese Ungerechtigkeiten sprechen, dass wir auf rassistisches Verhalten aufmerksam machen und all dem Hass mit Liebe, Toleranz und Vielfalt entgegenwirken. Wir alle bluten rot, wir alle weinen und lachen und hoffen und wir alle wollen in einer Gesellschaft leben, in der wir akzeptiert und respektiert werden. Wem gehört Deutschland? Den Kindern, die bunte Kreidekunstwerke auf grauen Asphalt malen, den Pflegekräften, die all ihre Zeit, Liebe und Hoffnung in ihre PatientInnen investieren, die Omis, die mich auf der Straße anlächeln, dem Baby, das mir die Zunge rausstreckt und dem Bauarbeiter, der mir jeden Tag Hallo sagt. Wem gehört Deutschland? Everyone.” Großen Beifall gab es dafür und für die anderen Beiträge, aber auch genug Schüler und Schülerinnen, die die Veranstaltung einfach missachteten. Offenbar ist es hier noch ein weiter Weg bis zum wirklich respektvollen Miteinander.









