Ein Wort bekommt Beine, Augen oder Flügel. Ein anderes kann durch Wände gehen, ein drittes ernährt sich von Lachen, Streit oder Aufmerksamkeit. In der Stadtbücherei Rottweil fand in der Woche vom 10-14. August die Ferienwerkstatt „Wort sei wild! – Die Wortwesen-Werkstatt Rottweil“ statt. Das Angebot für neun- bis 14-Jährige wird im Rahmen des Kinder- und Jugendliteratursommers 2026 von der Baden-Württemberg Stiftung gefördert.
Rottweil – Fünf Tage lang durften Kinder und Jugendliche hier mit Wörtern machen, was sonst eher selten erlaubt ist: sich an verschiedenen Schreibweisen ausprobieren, sie auseinandernehmen, verdrehen, ihnen Füße, Fehler oder Fühler geben – und manchmal auch Zähne. Auf diese Weise ist aus „Chaos“ ein buntes Wesen geworden. „Frieden“ trägt ein Herz, „Du“ sucht jemanden, mit dem es gemeinsam Quatsch machen kann.
Die Kinder überlegten, wovon sich ihr Wortwesen ernährt, wo es wohnt und was es überhaupt nicht ausstehen kann. „Frieden“ mag Umarmungen, Entschuldigungen und Freundlichkeit, aber keinen Streit und keine Gemeinheit. Andere Wortwesen sind deutlich komplizierter. Eines bekommt beispielsweise Bauchweh von Nudeln, Salat und Sushi. Neben Texten und Geschichten entstanden dabei auch jede Menge Zeichnungen, kalligraphische Werke und sogar kleine Trickfilme.
Werkstattleiter Thomas Richhardt sagt: „Hier soll man sich beim Schreiben auch mal die Finger schmutzig machen dürfen“ und stellt Federkiele, Schreibrohre und Glasfedern zur Verfügung, mit denen die 16 Teilnehmenden erkundeten, wie man früher geschrieben hat. Und sogar die Tinte wird selbst hergestellt: Im Laufe des fünftägigen Angebotes rührten die Kinder eine mittelalterliche Eisengallustinte an. Am Ende nehmen die Kinder deshalb nicht nur Geschichten, Zeichnungen und neue Ideen mit nach Hause, sondern auch ein kleines Glas selbstgemachte Tinte.
Diana Lange von der Stadtbücherei Rottweil freute sich besonders über die Zusammensetzung der Gruppe: „Es sind nicht nur Kinder dabei, die wir schon seit vielen Jahren kennen, sondern auch einige neue Gesichter. Das war uns sehr wichtig.“ Genau darauf zielten auch die Schnupperwerkstätten, die im Vorfeld an Rottweiler Schulen angeboten wurden. Mit Erfolg: Bereits einige Wochen vor Beginn waren alle Plätze vergeben, weitere Kinder standen auf der Warteliste.
Die jungen Kreativen sollen auch im Nachgang zur Ferienwerkstatt angeregt werden, weiterhin beim Schreiben und Zeichnen dranzubleiben. So haben sich bereits jetzt kleine Teams gebildet, die auch außerhalb der Werkstattzeit miteinander Geschichten entwickeln. Und vielleicht ist das der schönste Erfolg der Woche: Einige der Wortwesen werden wohl weiterleben – und das „Du“ hat jemanden gefunden.“
