Verlernen wir, uns dem Theater hinzugeben โ oder wรคchst gerade die Sehnsucht nach seinem wilden, sinnlichen Spiel? Bei den Auffรผhrungen im Rottweiler Bockshof macht Peter Staatsmann eine widersprรผchliche Erfahrung: Manche Zuschauer suchen Erklรคrungen, andere stรผrzen sich lustvoll ins Ungewisse. Ein Essay รผber Abstraktion, kรผnstliche Intelligenz und die Kraft des unmittelbaren Erlebens.
Warum trรคgt eine Szene an einem Abend โ und erreicht das Publikum am nรคchsten kaum? Warum fรคllt der Applaus einmal verhalten, dann wieder begeistert aus? Peter Staatsmann beobachtet nicht nur seine Schauspieler, sondern auch die Menschen vor der Bรผhne. Dabei stรถรt er auf ein Paradox unserer Gegenwart: Wรคhrend wir immer stรคrker daran gewรถhnt sind, die Welt einzuordnen, zu erklรคren und in Begriffe zu fassen, verlangt das Theater etwas ganz anderes โ die Bereitschaft, sich einzulassen, mitzuspielen und zu fรผhlen.
Dieser Essay erscheint in โStaatsmann โ Theater und Denkenโ, der exklusiven NRWZ-Reihe mit dem Intendanten Peter Staatsmann als Gastautor.
Ein heutiges Paradox: Man verlernt Theater, liebt es aber umso mehr
Wir fragen uns manches Mal auf der Probe, wie das Publikum mit unserem Spiel umgehen wird. Tatsรคchlich sind diese รberlegungen aber nur sehr selten Thema fรผr die Schauspieler, die Arbeitsteilung ist fรผr die Menschendarsteller klar: โLieber Regisseur, sorgโ bitte ohne Wenn und Aber dafรผr, dass deine Inszenierung absolut hervorragend wird, alle fasziniert und dass ich (na gut: wir) รผber alle Maรen geliebt, akklamiert und bejubelt werde(n), nach Mรถglichkeit auch besonders nachhaltig.โ โNaja, hรถrt malโฆโ โ โDafรผr bist du ja da.โ Ehrlicherweise ist man รผber eine solche Haltung, die wie die eines verwรถhnten Kindes wirken kรถnnte, nicht im Geringsten รผberrascht. Es ist eine Aufgaben- und Rollenverteilung, die seit fast drei Jahrtausenden gilt und die seitdem nur immer wieder von einigen avantgardistischen Wirrkรถpfen revolutioniert werden wollte. Stets vollkommen vergeblich und รผberdies auch restlos ohne Folgen.ย
Also ist es nur der wieder einmal recht einsame Regisseur, der sich รผber die Wirkungen des in Produktion befindlichen Theaterspiels Gedanken macht. Was die Inszenierung selbst anbelangt, kann er sich auf seine Nase verlassen, nach Jahren des Inszenierens sind seine Instinkte und seine Entdeckungen und Fantasien mit denen des Publikums eins geworden, er weiร, was das Publikum mag oder liebt, was es fasziniert und bis wohin es denken kann. So folgt er seiner Spรผrnase und bietet den anbrandenden Stereotypen und Klischees eisern und tapfer die Stirn. Kein Zuschauer darf mit konventionellen Belanglosigkeiten belรคstigt werden. Heiliges Gesetz des Theaters!
Doch wenn wir nun die Auffรผhrung am Abend selbst sehen, wie sie mit den Zuschauern im Bockshof รผber die Bรผhne geht, immer etwas anders und immer beeinflusst von den jeweils anwesenden und mitvollziehenden Zuschauern, kommen Gedanken auf, die paradox sind und erst einmal aufgelรถst werden wollen: Warum ist der Applaus gestern geringer gewesen als heute, warum ebbte das Lachen bei einer bestimmten Stelle heute ab und gestern oder letzte Woche nicht?
Erstes Ergebnis: Es gibt Zuschauer, (und irgendwie kann man sich nicht gegen den Gedanken erwehren, dass ihre Zahl zunimmt) die der Erzรคhlung nicht so recht folgen kรถnnen, die die Story, den Plot nicht ganz so einfach โkapierenโ. โNa gut, theaterungeรผbte Zuschauer gab es immer.โ โ โNein, das ist es nicht. Zumindest nicht allein.โ Es kommt neuerdings noch etwas anderes hinzu. Wir spekulieren: Durch die Standards der Schulen, die Theater immer รถfter irrtรผmlich als Wissensvermittlung โlehrenโ, durch die KI-Anwendungen, und die Wissenschaftsglรคubigkeit รผberhaupt und einer allumfassenden Vernunftorientierung sind wir allesamt auf einem Trip der totalen Abstraktion. Alles ist soundso allgemein und abstrahiert, alles wird permanent irgendwie sozio- oder sonst wie -logisch erklรคrt, sodass wir nicht mehr erkennen, dass es jetzt und hier, im Theater, nicht eine Sekunde um so etwas geht, nicht um die รbersetzung von Wissensbestรคnden oder wissenschaftlichen Erkenntnissen in Anschauung, nicht um lexikalisches und sonstiges logisches Einordnen von Begriffen und Konzepten, sondern um etwas ganz anderes und fast Gegenteiliges.
Wir bemerken also eine Tendenz, dass die Menschen im Theater etwas Falsches suchen und erwarten, dass sie vielleicht verlernt haben sich einfach dem Erleben so naiv und so kindlich wie mรถglich hinzugeben, damit sie am Ende, wenn der Vorhang fรคllt, mit den Figuren und den Situationen einiges so intensiv miterlebt haben, dass es wie ihre eigene Erfahrung in ihnen sich sedimentiert.
Und jetzt haben wir plรถtzlich noch ein zweites paradoxes Ergebnis und das ist so ziemlich gegenlรคufig zum ersten: Es gibt โ zumindest hierzulande, also Rottweil plusminus 50 km Umschwung, so unsere Beobachtung โ massenhaft Leute, die ebenso einfach und umstandslos wie liebend und leidenschaftlich eintauchen in ein Theater, das wild und verrรผckt ist und einen so ungewรถhnlichen Stilmix bietet, dass man annehmen kรถnnte, der eher etwas humorarme Normalo-Zuschauer hat da sicher gleich was auszusetzen oder ergreift womรถglich die Flucht. Doch nichts davon tritt ein. Ungeklรคrt, ob der Rottweiler Zuschauer lรคngst zum Superzuschauer gereift ist und er unser ultraspielerisches Spiel kennt und zu genieรen weiร, lรคngst ein Connaisseur der Haute Cuisine des Rottweiler Theaters โ oder ob es sich um eine verzwickte Gegenreaktion handelt, die aus KI-standardisierten Kรถpfen und Herzen im sehnsรผchtigen Handumdrehen Menschen herbeizaubert, die zutiefst verstehen, dass es sich hier um radikales Nichtwissen, um Begriffsverweigerung und um sinnlichstes Eintauchen ins Andere und den Anderen geht. Also um das, was das Theater ausmacht seit eh und je: Spielen von naiven Spielern fรผr naiv verspielte und spielfreudige Menschen, die einfach und rigoros nur eins wollen: konkrete Menschen auf der Bรผhne, die konkrete Menschen spielen, die in konkreten Situationen stecken. Wenn es so zugeht, und alle so ungezรผgelt losspielen, oberhalb und unterhalb der Rampe, dann โkapiertโ man sehr viel, und รถfter mehr als mit den logisch operierenden Sprachmodellen der ewigen, รผberstrapazierten, alles (pseudo)erklรคrenden Sozio- oder sonstwie -logie oder mit der KI-Normativitรคt. Spielen wir also, damit wir nicht nur wissen, sondern fรผhlen, was los ist und was stimmt und was schieflรคuft โ in uns und um uns und um uns herum. ย
Foto: Thomas Decker, KI-animiert