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Kann das Publikum noch Theater?

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Lesezeit 7 Min.

Verlernen wir, uns dem Theater hinzugeben – oder wächst gerade die Sehnsucht nach seinem wilden, sinnlichen Spiel? Bei den Aufführungen im Rottweiler Bockshof macht Peter Staatsmann eine widersprüchliche Erfahrung: Manche Zuschauer suchen Erklärungen, andere stürzen sich lustvoll ins Ungewisse. Ein Essay über Abstraktion, künstliche Intelligenz und die Kraft des unmittelbaren Erlebens.

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Warum trägt eine Szene an einem Abend – und erreicht das Publikum am nächsten kaum? Warum fällt der Applaus einmal verhalten, dann wieder begeistert aus? Peter Staatsmann beobachtet nicht nur seine Schauspieler, sondern auch die Menschen vor der Bühne. Dabei stößt er auf ein Paradox unserer Gegenwart: Während wir immer stärker daran gewöhnt sind, die Welt einzuordnen, zu erklären und in Begriffe zu fassen, verlangt das Theater etwas ganz anderes – die Bereitschaft, sich einzulassen, mitzuspielen und zu fühlen.

Dieser Essay erscheint in „Staatsmann – Theater und Denken“, der exklusiven NRWZ-Reihe mit dem Intendanten Peter Staatsmann als Gastautor.

Ein heutiges Paradox: Man verlernt Theater, liebt es aber umso mehr

Wir fragen uns manches Mal auf der Probe, wie das Publikum mit unserem Spiel umgehen wird. Tatsächlich sind diese Überlegungen aber nur sehr selten Thema für die Schauspieler, die Arbeitsteilung ist für die Menschendarsteller klar: „Lieber Regisseur, sorg‘ bitte ohne Wenn und Aber dafür, dass deine Inszenierung absolut hervorragend wird, alle fasziniert und dass ich (na gut: wir) über alle Maßen geliebt, akklamiert und bejubelt werde(n), nach Möglichkeit auch besonders nachhaltig.“ „Naja, hört mal…“ – „Dafür bist du ja da.“ Ehrlicherweise ist man über eine solche Haltung, die wie die eines verwöhnten Kindes wirken könnte, nicht im Geringsten überrascht. Es ist eine Aufgaben- und Rollenverteilung, die seit fast drei Jahrtausenden gilt und die seitdem nur immer wieder von einigen avantgardistischen Wirrköpfen revolutioniert werden wollte. Stets vollkommen vergeblich und überdies auch restlos ohne Folgen. 

Also ist es nur der wieder einmal recht einsame Regisseur, der sich über die Wirkungen des in Produktion befindlichen Theaterspiels Gedanken macht. Was die Inszenierung selbst anbelangt, kann er sich auf seine Nase verlassen, nach Jahren des Inszenierens sind seine Instinkte und seine Entdeckungen und Fantasien mit denen des Publikums eins geworden, er weiß, was das Publikum mag oder liebt, was es fasziniert und bis wohin es denken kann. So folgt er seiner Spürnase und bietet den anbrandenden Stereotypen und Klischees eisern und tapfer die Stirn. Kein Zuschauer darf mit konventionellen Belanglosigkeiten belästigt werden. Heiliges Gesetz des Theaters!

Doch wenn wir nun die Aufführung am Abend selbst sehen, wie sie mit den Zuschauern im Bockshof über die Bühne geht, immer etwas anders und immer beeinflusst von den jeweils anwesenden und mitvollziehenden Zuschauern, kommen Gedanken auf, die paradox sind und erst einmal aufgelöst werden wollen: Warum ist der Applaus gestern geringer gewesen als heute, warum ebbte das Lachen bei einer bestimmten Stelle heute ab und gestern oder letzte Woche nicht?

Erstes Ergebnis: Es gibt Zuschauer, (und irgendwie kann man sich nicht gegen den Gedanken erwehren, dass ihre Zahl zunimmt) die der Erzählung nicht so recht folgen können, die die Story, den Plot nicht ganz so einfach ‚kapieren‘. „Na gut, theaterungeübte Zuschauer gab es immer.“ – „Nein, das ist es nicht. Zumindest nicht allein.“ Es kommt neuerdings noch etwas anderes hinzu. Wir spekulieren: Durch die Standards der Schulen, die Theater immer öfter irrtümlich als Wissensvermittlung ‚lehren‘, durch die KI-Anwendungen, und die Wissenschaftsgläubigkeit überhaupt und einer allumfassenden Vernunftorientierung sind wir allesamt auf einem Trip der totalen Abstraktion. Alles ist soundso allgemein und abstrahiert, alles wird permanent irgendwie sozio- oder sonst wie -logisch erklärt, sodass wir nicht mehr erkennen, dass es jetzt und hier, im Theater, nicht eine Sekunde um so etwas geht, nicht um die Übersetzung von Wissensbeständen oder wissenschaftlichen Erkenntnissen in Anschauung, nicht um lexikalisches und sonstiges logisches Einordnen von Begriffen und Konzepten, sondern um etwas ganz anderes und fast Gegenteiliges.

Wir bemerken also eine Tendenz, dass die Menschen im Theater etwas Falsches suchen und erwarten, dass sie vielleicht verlernt haben sich einfach dem Erleben so naiv und so kindlich wie möglich hinzugeben, damit sie am Ende, wenn der Vorhang fällt, mit den Figuren und den Situationen einiges so intensiv miterlebt haben, dass es wie ihre eigene Erfahrung in ihnen sich sedimentiert.

Und jetzt haben wir plötzlich noch ein zweites paradoxes Ergebnis und das ist so ziemlich gegenläufig zum ersten: Es gibt – zumindest hierzulande, also Rottweil plusminus 50 km Umschwung, so unsere Beobachtung – massenhaft Leute, die ebenso einfach und umstandslos wie liebend und leidenschaftlich eintauchen in ein Theater, das wild und verrückt ist und einen so ungewöhnlichen Stilmix bietet, dass man annehmen könnte, der eher etwas humorarme Normalo-Zuschauer hat da sicher gleich was auszusetzen oder ergreift womöglich die Flucht. Doch nichts davon tritt ein. Ungeklärt, ob der Rottweiler Zuschauer längst zum Superzuschauer gereift ist und er unser ultraspielerisches Spiel kennt und zu genießen weiß, längst ein Connaisseur der Haute Cuisine des Rottweiler Theaters – oder ob es sich um eine verzwickte Gegenreaktion handelt, die aus KI-standardisierten Köpfen und Herzen im sehnsüchtigen Handumdrehen Menschen herbeizaubert, die zutiefst verstehen, dass es sich hier um radikales Nichtwissen, um Begriffsverweigerung und um sinnlichstes Eintauchen ins Andere und den Anderen geht. Also um das, was das Theater ausmacht seit eh und je: Spielen von naiven Spielern für naiv verspielte und spielfreudige Menschen, die einfach und rigoros nur eins wollen: konkrete Menschen auf der Bühne, die konkrete Menschen spielen, die in konkreten Situationen stecken. Wenn es so zugeht, und alle so ungezügelt losspielen, oberhalb und unterhalb der Rampe, dann ‚kapiert‘ man sehr viel, und öfter mehr als mit den logisch operierenden Sprachmodellen der ewigen, überstrapazierten, alles (pseudo)erklärenden Sozio- oder sonstwie -logie oder mit der KI-Normativität. Spielen wir also, damit wir nicht nur wissen, sondern fühlen, was los ist und was stimmt und was schiefläuft – in uns und um uns und um uns herum.  

Foto: Thomas Decker, KI-animiert

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