Das Land fördert 2026 insgesamt 37 Integrationsprojekte. Aus dem Landkreis Rottweil ist kein einziges dabei. Auf Nachfrage der NRWZ räumt das Landratsamt ein: Der Kreis hat noch nie einen Antrag gestellt – und plant das auch künftig nicht aus eigenem Antrieb. Der Stellenanteil für Integrationsarbeit ist zuletzt sogar gesunken.
Rottweil – Es ist eine dieser Landeslisten, die man normalerweise überfliegt: 37 Projektnamen, 37 Träger, 37 Beträge. Rund 1,9 Millionen Euro schüttet das Ministerium für Soziales, Arbeit und Gesundheit im Programm „Integration vor Ort – Stärkung kommunaler Strukturen“ für das Jahr 2026 aus. Bis zu drei Jahre lang kann ein Vorhaben gefördert werden, maximal mit 80.000 Euro. Sozialminister Oliver Hildenbrand (Grüne) stellte die Auswahl am Mittwoch vergangener Woche in Stuttgart vor. Integration gelinge dort, so der Minister, wo Menschen nicht nebeneinander, sondern miteinander leben.
Wer die Liste nach heimischen Namen durchsucht, sucht vergeblich. Heilbronn ist dabei, Ludwigsburg, Karlsruhe, Esslingen, Sindelfingen, Fellbach, Nürtingen. Aus dem Nachbarkreis schaffte es die Stadt Tuttlingen mit einer „Ehrenamtlichen Ausfüllhilfe“ auf die Liste – 15.225 Euro. Aus dem Landkreis Rottweil: nichts. Kein Landratsamt, keine Stadt, keine Gemeinde, kein freier Träger.
Die NRWZ hat beim Landratsamt nachgefragt – acht Fragen, von der Antragslage über frühere Förderrunden bis zur Personalausstattung. Die Antworten kamen fristgerecht. Sie sind aufschlussreicher, als es die schlichte Fehlanzeige vermuten ließ.
„Bislang keinen Antrag gestellt“
Auf die Frage, ob der Kreis sich 2026 beworben habe, antwortet eine Sprecherin des Landratsamts knapp: nein. Interessanter ist die Antwort auf die Frage nach früheren Runden. Ob der Landkreis in der Vergangenheit Mittel aus dem Programm erhalten habe? „Nein, da wir bislang keinen Antrag gestellt haben.“ Der Kreis war also nie dabei. Nicht 2026, nicht davor.
Als Begründung nennt die Sprecherin eine „Mischung“ aus fehlender Personalkapazität, fehlendem passenden Projekt und bewusster Entscheidung – die drei Möglichkeiten, die in der Anfrage zur Auswahl standen. Ausgeführt wird vor allem der dritte Punkt: Der Landkreis setze seit mehreren Jahren einen Schwerpunkt auf die Förderung von Deutschkenntnissen. Sprachkenntnisse seien „ein ganz entscheidender Schlüssel zur Integration“, deshalb liege der Fokus bewusst dort. Das ist ein nachvollziehbares Argument – und es deckt sich mit dem, was der Sozialminister selbst sagt: Sprache, Bildung und Arbeit seien die „Integrationsmotoren“.
Der Schwerpunkt: Sprachförderung nach der VwV Deutsch
Gemeint ist das Landessprachförderprogramm nach der Verwaltungsvorschrift Deutsch, kurz VwV Deutsch. Darüber stellt das Land Baden-Württemberg den Stadt- und Landkreisen seit 2015 Gelder für Deutschkurse für Migrantinnen und Migranten zur Verfügung. Das Programm richtet sich nicht nur an Geflüchtete, sondern auch an Menschen mit Migrationshintergrund, die schon länger hier leben, und ergänzt die Sprachkursangebote des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. Weil sich das Bundesangebot vor allem an Menschen mit Aufenthaltstitel und guter Bleibeperspektive richtet, hat das Land Maßnahmen installiert, um auch Geflüchteten mit geringer Bleibeperspektive das Deutschlernen zu ermöglichen. Antragsberechtigt sind die Stadt- und Landkreise, die dabei mit freien Trägern zusammenarbeiten können.
Um diese Landesmittel zu bekommen, muss der Kreis einen Eigenanteil von 40 Prozent der Gesamtkosten aufbringen. Das waren im vergangenen Jahr 12.194 Euro. Rechnerisch ergibt das ein Gesamtvolumen der Rottweiler Sprachförderung von rund 30.500 Euro im Jahr. Zum Vergleich: Ein einziges Projekt aus dem Landesprogramm „Integration vor Ort“ kann bis zu 80.000 Euro einbringen – und das über drei Jahre.
Die App, die Kapazitäten band
Als zweiten Grund führt die Sprecherin ein Digitalprojekt an. Der Kreis habe sich entschieden, „gezielt den Aufbau einer digitalen Integrationsplattform voranzutreiben“, um Angebote, Informationen und Unterstützungsleistungen zu bündeln und leichter zugänglich zu machen. Das habe „die vorhandenen Personalkapazitäten gebunden“, sei aber ein wichtiger Schritt. Es handelt sich um die Integreat-App.
Integreat ist keine Rottweiler Eigenentwicklung, sondern ein bundesweit verbreitetes Produkt. Die Plattform besteht aus einer offline nutzbaren App, einer Website und einer PDF-Ausgabe. Städte und Landkreise füllen die App mit lokalen Inhalten, die Technik im Hintergrund übernimmt der Anbieter. Die Inhalte sind frei strukturierbar und werden von lokalen Akteuren vor Ort gepflegt. Stand März 2025 nutzten 133 Städte und Landkreise das Angebot aktiv, inzwischen sind es nach Angaben aus anderen Kommunen mehr als 140.
Die Einführung ist also durchaus Arbeit – die redaktionelle Pflege der lokalen Inhalte liegt beim Kreis. Ein Projekt, das eine halbe Stelle über Monate binden kann, ist es allerdings auch nicht in jedem Fall: Im Landkreis Südliche Weinstraße etwa trug die Integrationsbeauftragte die Inhalte zusammen und schneidet die App seither laufend auf den Kreis zu. Andernorts wird Integreat ausdrücklich als Instrument beschrieben, das hauptamtliche Strukturen entlastet.
Eine halbe Stelle – Tendenz fallend
Womit man bei der Personalfrage wäre. Der Landkreis Rottweil hat eine Integrationsbeauftragte mit einem Stellenanteil von 50 Prozent. Das Land fördert die Stelle anteilig, den Großteil der Personalkosten trägt aber der Kreis. Die Integrationsbeauftragte ist laut Landratsamt „zentrale Anlauf-, Beratungs- und Koordinierungsstelle“ für institutionelle wie ehrenamtliche Akteure.
Und dann folgt der Satz, der in der Antwort fast beiläufig steht: „Der Stellenanteil hat sich in den letzten drei Jahren verringert.“
Gefragt hatte die NRWZ nach der Budgetentwicklung der vergangenen drei Jahre. Konkrete Zahlen nennt das Landratsamt nicht. Die Frage, wie viele Stellen für Integrationsarbeit vorgesehen und wie viele davon besetzt sind, beantwortet die Sprecherin mit einem Verweis auf die vorige Antwort – dort steht dazu allerdings nichts.
Bemerkenswert ist der Zusammenhang mit dem Landessprachförderprogramm: Nach der VwV Deutsch sollen die Netzwerke der Stadt- und Landkreise ausgerechnet von den Integrations-, Flüchtlings- oder Eingliederungsbeauftragten koordiniert werden – auf Kreisebene sind die Integrationsbeauftragten auch die Ansprechpersonen für das Programm. In Rottweil ruht diese Aufgabe auf einer halben, zuletzt geschrumpften Stelle.
Wer informiert eigentlich die Träger?
Gefragt hatte die NRWZ auch, ob das Landratsamt Städte, Gemeinden und freie Träger im Kreis aktiv auf solche Förderprogramme hinweise – und in welcher Form. Die Antwort geht auf das Landratsamt selbst gar nicht ein. Sie lautet, dass Stadt- und Landkreise ebenso wie kreisangehörige Städte und Gemeinden „von den jeweils zuständigen kommunalen Spitzenverbänden über den betreffenden Förderaufruf unterrichtet“ würden.
Das ist die Beschreibung eines Verteilers, nicht einer Beratungsleistung. Freie Träger – Vereine, Kirchengemeinden, Initiativen – sind in den kommunalen Spitzenverbänden ohnehin nicht organisiert. Auf der Landesliste stehen sie dagegen zuhauf: Caritas, Diakonie, AWO, Volkshochschulen, Freundeskreise, Mädchentreffs, ein Theaterverein aus Karlsruhe, ein Nachbarschaftsgarten.
Nach Kenntnis des Landratsamts hat im Landkreis Rottweil weder eine Stadt noch eine Gemeinde einen Antrag gestellt. Und: Es habe sich auch kein freier Träger gemeldet, um ein geplantes Projekt mit dem Kreis abzustimmen.
Und die nächste Runde?
Die letzte Frage galt der Zukunft. Die Antwort ist eindeutig. Der Landkreis sehe „unter den derzeit bestehenden Rahmenbedingungen und vor dem Hintergrund der nicht vorhandenen personellen Ressourcen keine Möglichkeit“, solche Projekte zu entwerfen und eigenverantwortlich durchzuführen. Sollte sich ein freier Träger entscheiden, ein Projekt anzumelden und es kooperativ mit dem Kreis umzusetzen, werde man eine Beteiligung „selbstverständlich prüfen“.
Der Kreis wartet also darauf, dass jemand von außen kommt – während er zugleich nicht aktiv über das Programm informiert, sondern auf die Rundschreiben der Spitzenverbände verweist, die freie Träger nicht erreichen. Ein Kreislauf, der sich selbst schließt.
Dass es auch anders geht, zeigt ein Blick auf die Beträge in der Landesliste. Nicht jedes geförderte Vorhaben ist ein Großprojekt. Die Gemeinde Salach im Kreis Göppingen erhält 6.485 Euro für ein Vorhaben namens „Mach mit! – Schule trifft Beruf“. Die Stadt Bad Rappenau bekommt 13.125 Euro gegen Einsamkeit. Die Stadt Sindelfingen 15.750 Euro. Und die Nachbarn in Tuttlingen eben 15.225 Euro für eine ehrenamtliche Ausfüllhilfe – ein Angebot, bei dem Freiwillige Zugewanderten beim Ausfüllen von Formularen helfen.
Es sind, mit anderen Worten, keine Leuchtturmprojekte. Es sind Ideen, die aus der Praxis kommen. Man muss sie nur aufschreiben und einreichen.
