Am Sonntag entscheiden die Schiltacher, ob Thomas Haas nach 24 Jahren eine vierte Amtszeit bekommt oder ob Herausforderer Timmy Niehoff ins Rathaus einzieht. Ein Blick in die Programme zeigt: Beide werben mit fast identischen Leitsätzen – setzen aber grundverschiedene Schwerpunkte. Heute Abend treffen sie zum letzten Mal öffentlich aufeinander.
Schiltach – Der Satz klingt bei beiden fast gleich. Niehoffs Leitsatz lautet „Bewahren, was gut ist – und mutig anpacken und umsetzen, was besser werden muss.“ Haas formuliert auf seiner Website, er setze sich dafür ein, Bewährtes zu erhalten und gleichzeitig mutig neue Wege zu gehen. Wer Unterschiede sucht, muss tiefer in die Programme schauen. Dort werden sie deutlich.
Die Ausgangslage
Thomas Haas, 62, wurde am 29.09.2002 im ersten Wahlgang unter sechs Bewerbern mit 59,56 Prozent der Stimmen zum Nachfolger von Peter Rottenburger gewählt. 2018 trat er ohne Gegenkandidaten an und erhielt 94,02 Prozent. Diesmal ist es anders: Der 43-jährige Timmy Niehoff hat seine Bewerbungsunterlagen für das Bürgermeisteramt eingereicht. Er tritt als unabhängiger Kandidat an und fordert damit Thomas Haas heraus, der seit 24 Jahren im Amt ist und im September für eine vierte Amtszeit kandidiert.
Das Interesse ist groß: Mehr als dreihundert interessierte Schiltacher verfolgten am Freitagabend in der Friedrich-Grohe-Halle die Vorstellung der beiden Bürgermeister-Kandidaten, berichtete der Schwarzwälder Bote; bo.de sprach von rund 250 Bürgern.
Der Herausforderer: Diagnose Bevölkerungsschwund
Niehoffs Kandidatur hat einen klaren Ausgangspunkt. Den zentralen Antrieb sieht er in der Bevölkerungsentwicklung: Schiltach habe in den vergangenen acht Jahren fast zehn Prozent seiner Einwohner verloren. Die Stadt müsse die Herausforderungen der kommenden Jahre entschlossen angehen, um zu verhindern, dass der Bevölkerungsrückgang langfristig auf Wirtschaft, Vereine, Infrastruktur und kommunale Finanzen durchschlage.
Seine Antwort darauf ist weniger ein Bauprogramm als ein Umbau der Verwaltungsarbeit. Auf seiner Website kündigt er an, weggezogene Bürger befragen zu wollen, was ihnen gefehlt habe, eine städtische Anlaufstelle für Wohnen, Bauplätze und Leerstand zu schaffen und Eigentümer bei Umbau, Verkauf und Denkmalschutz besser zu unterstützen. Im Rathaus will er ein digitales Anliegenmanagement prüfen, Bürgersprechstunden stärken und Künstliche Intelligenz dort einsetzen, wo sie Verwaltungsmitarbeiter entlastet – Niehoff ist als Projektleiter für digitale Zukunftsprojekte bei einem Stuttgarter Automobilkonzern tätig, daneben baut er eine Beratungstätigkeit im Bereich Künstliche Intelligenz auf.
Konkret im Stadtbild verspricht er einen „Stadtkümmerer“ in Anbindung an den Bauhof, der regelmäßig durchs Städtle geht, ein Parkraumkonzept mit 300-kW-Schnellladesäulen, ein Tourismuskonzept, die Sanierung des Marktplatzpflasters sowie den Schotterparkplatz in der Hauptstraße und die Busanbindung Vor Heubach. Für Vereine will er einen festen Ansprechpartner im Rathaus und eine zentrale Ausstattung mit Fahrzeugen für Wettkämpfe und Ausflüge. Bei einer CDU-Veranstaltung im August verstand er seine Vorstellungen ausdrücklich nicht als fertigen Plan, der der Stadt übergestülpt werden soll. Vielmehr wolle er zuhören, unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen und anschließend auch umsetzen.
Der Amtsinhaber: Ein Bauprogramm für acht Jahre
Haas setzt dagegen auf eine Liste konkreter Investitionsprojekte. Sein größtes Vorhaben knüpft an die Tunnelsanierung an: Direkt nach der Inbetriebnahme des Tunnels soll die Generalsanierung der Innenstadt beginnen – nicht als Straßenerneuerung, sondern als Umgestaltung des gesamten Straßenraums mit Shared-Space-Bereichen, in denen Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer gleichberechtigt sind. Hinzu kommt eine „Flussbar“ als Treffpunkt an der Schiltach in der Altstadt.
Auf den Bevölkerungsrückgang antwortet Haas mit Wohnungsbau: Das Baugebiet „Vor Leubach“ soll private Wohnhäuser, Gewerbeeinheiten und städtische Mehrfamilienhäuser verbinden; zusammen mit Nachverdichtungen sei das die Chance, Schiltacher zu halten und den Rückgang umzukehren. In der Eythstraße sollen zwei Sechsfamilienhäuser einem Neubau mit Garage im Erdgeschoss und Wohnungen darüber weichen.
Weitere Punkte: die Generalsanierung der Grundschule zur Ganztagesschule, der Neubau eines Feuerwehrhauses, den Haas als wirtschaftlichste Lösung bezeichnet, weil die neuen Fahrzeuge in die alten Boxen kaum noch passen, die Sanierung von Sporthalle und Freibad, der zweite Bauabschnitt am Friedhof mit Aussegnungshalle sowie die Wasserversorgung im Außenbereich nach dem trockenen Sommer. Für das Ehrenamt schlägt Haas eine von der Stadt ausgestattete Bürgerstiftung vor, deren Erträge Vereine, Kirchen und gemeinnützige Projekte fördern sollen.
Wo sich die Linien kreuzen
Beide Kandidaten nennen Ehrenamt und Vereine als Herzstück der Stadt – Haas will Geld über eine Stiftung dauerhaft bereitstellen, Niehoff will Strukturen im Rathaus schaffen. Beide sehen Parken als Problem – Haas löst es punktuell mit Bauprojekten, Niehoff will ein gesamtstädtisches Konzept. Beide adressieren den Bevölkerungsrückgang – Haas mit Bauland, Niehoff mit Befragung und Vermittlung.
Ein Punkt könnte für Diskussion sorgen: Niehoff schreibt sich auf seiner Website die 24-Stunden-Öffnung der Rettungswache mit zu, für die er sich 2024 gemeinsam mit der CDU-Ortsgruppe eingesetzt habe. Haas führt die „Erhaltung Rettungswache“ in seinem Rückblick auf 24 Amtsjahre.
Erfahrung gegen Außenblick
Der deutlichste Unterschied ist biografisch. Haas wirbt mit fundierter Ausbildung, langjähriger Erfahrung und starkem Netzwerk. Niehoff, geboren 1983 in Magdeburg und aufgewachsen im Allgäu, lebt seit rund zweieinhalb Jahren mit seiner Frau in Schiltach im Vorderlehengericht. Er tritt als Unabhängiger an, ist laut eigener Website aber CSU-Mitglied, engagierte sich ab 2000 in Junger Union und CSU, ist Prüfer in der Begabtenförderung der Hanns-Seidel-Stiftung – und zugleich IG-Metall-Mitglied und Ersatzmitglied des Betriebsrats in der Mercedes-Benz-Zentrale. Der seit 15 Jahren bei Mercedes beschäftigte Projektleiter betonte, dass er bewusst als unabhängiger Kandidat antrete. Er wolle über Partei- und Interessengrenzen hinweg mit Bürgern, Vereinen, Unternehmen und den politischen Kräften der Stadt zusammenarbeiten.
Letzter Schlagabtausch heute Abend
Am Montag, 14. September, um 19 Uhr stellen sich beide Kandidaten in der Rosenlaube am Campingplatz Schiltach einer öffentlichen Diskussionsrunde. Gewählt wird am Sonntag, 20. September. Mit der Auszählung der Stimmen wird unmittelbar nach Beendigung der Wahlzeit um 18 Uhr begonnen. Erreicht keiner der Bewerber die absolute Mehrheit, findet ein zweiter Wahlgang statt. In Baden-Württemberg beträgt die Amtszeit des Bürgermeisters acht Jahre.
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