Schramberg. Der Waldbrand ist unter Kontrolle, doch der Hang gibt noch keine Ruhe. Ein Baum beginnt immer wieder zu brennen. Er steht nur noch unsicher und könnte beim Umstürzen Geröll lösen. Die Lauterbacher Straße und Teile des Hangs bleiben deshalb gesperrt. Nachlöscharbeiten und Kontrollen laufen weiter.
Vor dieser Kulisse hat sich Baden-Württembergs Ministerin für Ländlichen Raum, Landwirtschaft und Heimat, Marion Gentges, am Donnerstag ein Bild von der Lage gemacht. Sie kam, um den Einsatzkräften zu danken – und um zu erfahren, was aus dem außergewöhnlichen Brandereignis gelernt werden kann.
Begrüßt wurde Gentges von Landrat Christoph Keckeisen, Schrambergs Oberbürgermeisterin Dorothee Eisenlohr und Stadtbrandmeister Patrick Wöhrle, der den Einsatz geleitet hatte. Der Termin fiel auf Keckeisens 50. Geburtstag. Der persönliche Anlass blieb jedoch Randnotiz. Im Mittelpunkt standen die bis zu 400 Einsatzkräfte, die den Brand gemeinsam unter Kontrolle gebracht hatten.
„Die wahren Helden sind unsere Einsatzkräfte“
Keckeisen sprach von einem außergewöhnlich herausfordernden Einsatz mit einem erheblichen Gefahrenpotenzial. Dass der Brand nach etwas mehr als 24 Stunden unter Kontrolle gewesen sei, verdanke man dem Zusammenspiel von Feuerwehr, DRK, THW, Bergwacht, Polizei, Forst, Landwirten und weiteren Helfern.
Eisenlohr formulierte es noch deutlicher: „Die wahren Helden heute sind unsere Einsatzkräfte.“ Nicht die Politiker und Kommunalvertreter hätten im Mittelpunkt zu stehen, sondern diejenigen, die über viele Stunden gegen die Flammen gekämpft und den Einsatz unterstützt hätten.
Gentges schloss sich dem an. Sie habe das Brandgeschehen wie viele andere im Land verfolgt und sich fortlaufend berichten lassen. „Wir sind schon richtig stolz auf Sie, dass Sie das so gut hingekriegt haben“, sagte die Ministerin an die Einsatzkräfte gerichtet. Ihr Dank gelte ausdrücklich auch den vielen Ehrenamtlichen und Helfern außerhalb der klassischen Rettungsorganisationen.
Der Eindruck, den man hier gewinnt, macht das Ganze viel greifbarer. Das ist sehr wertvoll. Man gewinnt einen viel besseren Eindruck vom Geschehen als durch einen Aktenvermerk.“
Marion Gentkes nach dem Besuch der Einsatzstelle.
Der Waldbrand hatte rund 20 Hektar im steilen Töswald erfasst. Zeitweise waren Hunderte Kräfte und zahlreiche Fahrzeuge aus dem Landkreis Rottweil sowie aus benachbarten Regionen beteiligt.
Bildergalerie vom Besuch der Ministerin
Alarmstufe schon auf der Anfahrt erhöht
Wie schnell sich die Lage zuspitzte, schilderte Stadtbrandmeister Wöhrle. Die Feuerwehr war am Sonntag um 17.37 Uhr zunächst mit dem vergleichsweise niedrigen Stichwort „Waldbrand 1“ alarmiert worden. Bereits auf der Anfahrt war jedoch eine starke Rauchentwicklung erkennbar. Weitere Notrufe gingen ein. Wöhrle ließ die Alarmstufe erhöhen und zwei zusätzliche Löschzüge sowie Sonderfahrzeuge nachfordern.
Beim Eintreffen brannte es entlang der Straße auf einer Länge von etwa zehn bis 15 Metern. Das Feuer hatte sich bereits 20 bis 30 Meter weit in den Hang hinaufgefressen. Trockenheit, Wind und Steillage beschleunigten die Entwicklung.
Für die Feuerwehr fehlten zunächst brauchbare Angriffspunkte. Schläuche und Material mussten den Hang hinaufgebracht, Stützmauern mithilfe tragbarer Leitern überwunden werden. Die Arbeiten waren kräftezehrend und gefährlich. Die Einsatzleitung teilte das Gebiet in drei Abschnitte ein: den unteren Bereich an der Straße, einen mittleren Abschnitt und den Zugang von der Bergseite.
Löschwasserversorgung stößt an ihre Grenzen
Zu einer der größten Herausforderungen wurde die Wasserversorgung. Zunächst konnte die Feuerwehr auf einen für den Terrassenbau vorgehaltenen Löschwasserbehälter mit rund 30.000 Litern zurückgreifen. Dieser Vorrat war angesichts der Dimension des Einsatzes jedoch rasch aufgebraucht.
Anschließend wurde das Hydrantennetz genutzt. Doch auch dieses geriet an seine Grenzen: Einerseits floss kontinuierlich Wasser durch die Löschleitungen, andererseits mussten immer wieder Tanklöschfahrzeuge mit jeweils erheblichen Mengen befüllt werden. Die Stadtwerke signalisierten, dass Zufluss und Nachspeisung der Hochbehälter bei einer anhaltend hohen Entnahme nicht mehr ausreichen würden.
Die lange Trockenperiode verschärfte das Problem. Zuflüsse in die Schiltach führten kaum Wasser. Eine Staustufe wurde nutzbar gemacht, zusätzlich lief ein Pendelverkehr mit Tanklöschfahrzeugen, Lastwagen und landwirtschaftlichen Gespannen.
Entscheidend war schließlich die Anforderung eines Hochleistungs-Wasserfördersystems der Berufsfeuerwehr Reutlingen. Dieses sogenannte HFS kann nach Wöhrles Angaben zwischen 3000 und 5000 Liter Wasser pro Minute fördern. Damit ließ sich nicht nur die Brandbekämpfung verstärken. Zugleich konnte ein umfangreicher Löschangriff zum Schutz der Wohnbebauung vorbereitet werden.
Besonders die linke Brandflanke hatte sich in Richtung bebauter Bereiche entwickelt. Spezielle Waldbrand-Tanklöschfahrzeuge bewässerten dort die Vegetation und sollten die Brandlast verringern. Weitere Spezialfahrzeuge kamen unter anderem aus Reutlingen, Freiburg und dem Schwarzwald-Baar-Kreis.
28 Wasserabwürfe gegen zwei Hotspots
Ein Löscheinsatz aus der Luft war bereits am Sonntagabend erwogen worden. Wegen der Vorlaufzeit und der einbrechenden Dunkelheit war er an diesem Tag jedoch nicht mehr möglich.
Zunächst unterstützte ein Polizeihubschrauber die Einsatzleitung bei der Erkundung. Die Bilder aus der Luft und Wärmebildaufnahmen halfen dabei, die Ausbreitung zu beurteilen und Schwerpunkte zu erkennen. Am Montag prüften die Piloten zunächst ohne Löschwasserbehälter, ob ein Einsatz im Steilhang fliegerisch möglich und vertretbar war.
Nach dieser Erkundung fiel die Entscheidung für den Löscheinsatz. Der Hubschrauber absolvierte in zwei Flugphasen insgesamt 28 Wasserabwürfe. Damit konnten zwei vom Boden aus kaum erreichbare Hotspots bekämpft und die weitere Ausbreitung gestoppt werden.
Erst nachdem sich die Lage beruhigt hatte, konnte die Bergwacht Kräfte für Nachlöscharbeiten im Steilhang sichern. Während der dynamischen Brandphase wäre das Risiko zu groß gewesen. „Wir können keine Feuerwehrkräfte in eine dynamische Brandfläche entsenden“, machte Wöhrle deutlich. Neben dem Feuer drohten Steinschlag, abrutschendes Material und durch Löschwasser zusätzlich instabile Bereiche.
Trotz dieser Gefahren blieb es nach den vor Ort genannten Angaben bei einem Unterarmbruch eines helfenden Landwirts. Dass es bei einem Einsatz dieser Größenordnung keine weiteren Verletzten gab, wertete Eisenlohr als außergewöhnlich.
Mehr Spezialfahrzeuge in der Fläche
Für Wöhrle liegen die Konsequenzen auf der Hand. Die Zugänglichkeit der Wälder müsse stärker unter dem Gesichtspunkt des Brandschutzes betrachtet werden. Rückegassen und Wege könnten im Ernstfall darüber entscheiden, ob Einsatzkräfte und geländegängige Fahrzeuge einen Brandherd rechtzeitig erreichen.
Zugleich brauche es mehr Spezialfahrzeuge für Wald- und Vegetationsbrände – möglicherweise auch kleinere Fahrzeuge, die sich in engen und steilen Waldgebieten bewegen können. Bis die überregional stationierten Einheiten in Schramberg eintrafen, vergingen teilweise zwei bis drei Stunden. Eine bessere Verteilung solcher Fahrzeuge in der Fläche könnte die Eingreifzeiten verkürzen.
Gentges nahm weitere Punkte mit: gemeinsame Übungen von Feuerwehr und Forstverwaltung, geeignete Schutzkleidung für Einsätze bei großer Hitze, bessere Zugänge sowie die Frage, wie mehr Wasser im Wald zurückgehalten werden kann. Auch der laufende Waldumbau müsse diesen Aspekt berücksichtigen.
Nach Angaben der Ministerin waren in Baden-Württemberg in diesem Jahr bereits etwa 50 Hektar von Waldbränden betroffen. Im Vorjahr seien es weniger als zehn Hektar gewesen. Wetterlagen, die solche Brände begünstigen, dürften künftig eher häufiger als seltener auftreten.
Konkrete neue Förderzusagen machte Gentges bei dem Ortstermin noch nicht. Sie bat die Verantwortlichen vielmehr um eine offene Bilanz: Was hat funktioniert – und wo besteht Verbesserungsbedarf? Auf dieser Grundlage müsse geprüft werden, wie sich das Land für kommende Wald- und Vegetationsbrände besser aufstellen könne.
Sperrung unbedingt beachten
Eisenlohr verband den Termin mit einem erneuten Appell an die Bevölkerung. Die Absperrungen an Straße und Hang seien weiterhin ernst zu nehmen. Sie stünden dort nicht, weil jemand vergessen habe, die Baken wegzuräumen. Der Hang sei noch aktiv, Bäume könnten umstürzen und Steinschlag auslösen.
Auch Schaulustige sollten dem Bereich fernbleiben. Bereits am Sonntagabend hätten Menschen angehalten und gefilmt, wodurch der Verkehr behindert worden sei. Die Polizei habe eingreifen müssen.
Der Großeinsatz ist damit beendet. Die Arbeit am Brandhang und die Aufarbeitung des Geschehens sind es noch nicht.
PS: Das Geschehen insgesamt bleibt dynamisch. Die Schramberger Feuerwehr ist zuletzt am späten Mittwochabend zu weiteren Nachlöscharbeiten in den Wald gerufen worden. Und die Feuerwehr Rottweil am Donnerstagvormittag zu einem kleineren Vegetationsbrand am Bettlinsbad.
