68 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer landesweiten Befragung bewerten die Nutzung von Erdwärme positiv. Erhoben hat die Zahlen ein Branchenverband der Erneuerbaren-Energien-Wirtschaft. Für den Landkreis Rottweil hat das Thema allerdings enge Grenzen: Tiefe Geothermie spielt hier praktisch keine Rolle, und auch oberflächennahe Erdwärmesonden sind wegen des Untergrunds längst nicht überall möglich.
Die Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg (PEE BW) hat Anfang 2026 eine Online-Befragung zur Geothermie durchgeführt. 461 Personen aus dem Land haben teilgenommen. Nach Angaben des Verbands antworteten knapp 45 Prozent auf die Frage, wie sie den Einsatz von Geothermie finden, mit „sehr gut“, weitere 23 Prozent mit „eher gut“. 11 Prozent sagten „sehr schlecht“, sieben Prozent „eher schlecht“ – zusammen ein knappes Fünftel.
72 Prozent der Befragten gehen laut Verband davon aus, dass Geothermie zum Klimaschutz beitragen kann, 69 Prozent erwarten eine größere Unabhängigkeit von Gasimporten. Rund 64 Prozent sehen ein großes Potenzial der tiefen Geothermie für die Wärmeversorgung, bei der Stromerzeugung sind es nur 31 Prozent.
Sorge vor Erdbeben und Gebäudeschäden
Deutlich werden in der Befragung auch Vorbehalte. 48 Prozent halten es für möglich, dass die Nutzung von Erdwärme kleine Erdbeben auslöst. 44 Prozent fürchten Schäden an Gebäuden. 41 Prozent meinen, mögliche Schäden seien nicht ausreichend versichert; rund 34 Prozent geben an, das nicht zu wissen.
64 Prozent fühlen sich nach eigenen Angaben nicht ausreichend über tiefe Geothermie informiert. Auffällig ist dabei ein regionaler Unterschied: Im Oberrheingraben, wo es konkrete Projekte gibt, sagen das 54 Prozent – im übrigen Baden-Württemberg, also auch im Raum Rottweil, sind es 71 Prozent.
Beim Thema Mitsprache sind die Antworten eindeutig: 95 Prozent wollen frühzeitig über geplante Geothermieprojekte informiert werden, 77 Prozent fordern eine Möglichkeit zur Mitsprache. 43 Prozent sprechen sich für eine finanzielle Beteiligung der Kommune an den Gewinnen aus, 45 Prozent für eine Beteiligung der Bevölkerung.
„Die Bevölkerung bewertet die Chancen der Geothermie deutlich stärker als ihre Risiken“, sagt Jürgen Scheurer, Geschäftsführer der PEE BW. Entscheidend für die Akzeptanz seien breite Information und Kommunikation über Risiken und Sicherheitsmaßnahmen.
Einordnung: Wer fragt, und wen
Die Befragung ist keine repräsentative Bevölkerungsumfrage. 461 Antworten aus einem Land mit rund elf Millionen Einwohnern lassen keine Rückschlüsse auf die Gesamtbevölkerung zu; wie die Teilnehmenden ausgewählt wurden, geht aus der Mitteilung nicht hervor. Auftraggeber ist zudem kein neutraler Dritter, sondern die Dachorganisation der Erneuerbaren-Branche im Land.
Die Umfrage gehört zu einer „Informationsinitiative zur Tiefengeothermie“, die das baden-württembergische Umweltministerium fördert und die nach Verbandsangaben von April 2025 bis Januar 2027 läuft. Ziel der Initiative ist es ausdrücklich, die Akzeptanz für die Technologie zu erhöhen. Die Ergebnisse sind damit eher ein Stimmungsbild interessierter Bürgerinnen und Bürger als ein Abbild der Landesmeinung.
Im Kreis Rottweil setzt der Untergrund die Grenzen
Für die Region ist vor allem die Frage interessant, was von der Technologie hier überhaupt ankommt. Bei der tiefen Geothermie lautet die Antwort: wenig. Das Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau (LGRB) verortet die günstigen Bedingungen in Baden-Württemberg im Oberrheingraben und im Molassebecken in Oberschwaben – also westlich und südöstlich des Landkreises. Der Raum Rottweil liegt dazwischen.
Auch bei der oberflächennahen Erdwärme ist die Lage schwieriger als in anderen Landesteilen. Der technische Leiter der Energieversorgung Rottweil (ENRW), Holger Hüneke, sagte bereits 2023 im Gemeinderat, in Rottweil stehe wegen Gips und Steinsalz im Untergrund die Geothermie nicht zur Verfügung; als Alternative nannte er unter anderem Erdkollektoren bis rund 40 Meter Tiefe. Hintergrund sind Erfahrungen aus anderen Kommunen im Land, in denen Bohrungen in gipsführende Schichten Hebungen und Gebäudeschäden ausgelöst haben.
Das Landratsamt Rottweil weist als untere Wasserbehörde darauf hin, dass Erdwärmeanlagen eine wasserrechtliche Erlaubnis brauchen – die Gebühr beginnt bei 400 Euro. In Wasserschutzgebieten seien solche Anlagen „in den meisten Fällen verboten“, weil die Trinkwasserversorgung Vorrang habe. Wegen der hydrogeologischen Verhältnisse im Kreis seien Anlagen an manchen Stellen gar nicht möglich. Bohrungen tiefer als 100 Meter sind zusätzlich dem LGRB anzuzeigen.
In der kommunalen Wärmeplanung taucht Erdwärme trotzdem auf. In Schramberg prüfte das beauftragte Büro nach der Vorstellung des Entwurfs im Februar 2025, wo Erdwärme, Solarthermie oder Abwasserwärme in Frage kommen; festgelegt werden soll das erst in vertiefenden Machbarkeitsstudien für einzelne Quartiere. In Rottweil setzt die ENRW bei der Wärmeplanung vor allem auf den Ausbau der Nah- und Fernwärme, auf Abwärme aus Industrie und Gewerbe sowie auf Wärmepumpen.
Was Erdwärme leisten soll
Unterschieden wird zwischen oberflächennaher und tiefer Geothermie. Bei der oberflächennahen Nutzung heben Wärmepumpen Wärme aus bis zu 400 Metern Tiefe auf ein nutzbares Niveau, meist für einzelne Gebäude oder kleine Netze. Die tiefe Geothermie holt Wasser aus Schichten bis zu mehreren tausend Metern nach oben und speist es in kommunale Wärmenetze ein; teilweise wird daraus auch Strom erzeugt. Für Städte mit passendem Untergrund gilt sie als eine der wenigen Wärmequellen, die ganzjährig und wetterunabhängig liefern.
Info: Termine und Anlaufstellen
Die PEE BW bietet zwei kostenfreie Webseminare zur Tiefengeothermie an, jeweils von 12 bis 13 Uhr: am 20. August 2026 zu Standortsuche, Tiefbohrungen sowie Sicherheit und Grundwasserschutz mit Felix Allgaier (Deutsche ErdWärme GmbH), und am 22. September 2026 zu Nutzungsmöglichkeiten für Wärme, Strom und Lithium mit Thomas Kölbel (EnBW). Beide Termine werden vom Umweltministerium gefördert. Informationen zur Erdwärmenutzung im Kreis gibt es beim Umweltschutzamt des Landratsamts Rottweil.
