Ein Leser sieht auf den Fotos des Rottweiler Neubaus die Schule seiner eigenen Jugend. Schulleiter Stefan Maier widerspricht – und erklärt, warum das Entscheidende außerhalb der Klassenzimmer liegt.
ROTTWEIL. Tische in Reihen, Stühle in Türkis, Wände aus Sichtbeton: Das Foto aus einem der zwölf neuen Klassenzimmer am Droste-Hülshoff-Gymnasium (DHG) hat einen Leser der NRWZ an seine eigene Schulzeit erinnert. 1971 trat er in die Klasse 5h des Albert-Einstein-Gymnasiums in Reutlingen ein, damals ebenfalls ein Neubau. Beim Betrachten der Rottweiler Aufnahmen stelle sich ein „bemerkenswertes Déjà-vu“ ein, schreibt er. Mehr als ein halbes Jahrhundert architektonischer Entwicklung scheine an diesem Raum spurlos vorübergegangen zu sein.
Ein Einwand, der sich am Bild festmachen lässt – und den Schulleiter Stefan Maier auf Anfrage nicht einfach vom Tisch wischt. „Natürlich, auf den ersten Blick kann man sagen, dass das ein Klassenzimmer ist mit einer Tafel, Tischen und Stühlen. Und zunächst sind sie ausgerichtet, wie man sie von früher her kennt“, sagt Maier. Die Unterschiede lägen im Detail.


Einzeltische statt Doppeltische
Das beginnt beim Mobiliar. Wo früher Doppeltische standen, gibt es am DHG durchgängig Einzeltische. „Man hat die Flexibilität, die vollständig umzustellen, Gruppentische jeder Form kann man sehr schnell herstellen“, so der Schulleiter.
Die strenge Ordnung auf dem Foto ist demnach eine Momentaufnahme. „Als die Tische und Stühle geliefert wurden, wurden sie zunächst einfach klassisch in Reihen aufgestellt“, erklärt Maier. Das sei die Grundordnung. Der große Vorteil der Einzeltische liege darin, dass sie ohne großen Aufwand in jede erdenkliche Konstellation gestellt werden könnten. Es sei gut möglich, dass die Bestuhlung während einer einzigen Unterrichtsstunde mehrfach geändert werde.
Dazu kommt die Technik. „Wenn man es mit 1971 vergleicht: Die Haupttafel kann noch alles, was die alte Kreidetafel auch konnte, aber sehr viel mehr“, sagt Maier über die digitale Tafel. Ab Klasse 9 erhalten alle Schülerinnen und Schüler am DHG ein schulisches iPad. „Sie können sich direkt draufschalten, ihre Arbeitsergebnisse präsentieren. Von dem her: Der äußere Rahmen wirkt wie ein altes Klassenzimmer, aber man hat neue Möglichkeiten.“ Für die Jahrgangsstufen 5 bis 8 stehen einzelne Klassensätze zur Verfügung, die Lehrkräfte bei Bedarf einsetzen können.
Fertig sind die Räume ohnehin noch nicht. Einbauschränke fehlen, und analoge Tafeln kommen hinzu. Wie genau, hängt vom Raum ab, denn nicht alle sind gleich gestaltet. Grundsätzlich ist neben dem Smartboard ein analoges Whiteboard eingeplant, an der gegenüberliegenden Seite zwei weitere Whiteboards und ein klassisches Tafelelement, für Notizen und Plakate. „Das ist nicht nur eine nackte Wand“, sagt Maier.
Das Neue steht vor der Tür
Der eigentliche Unterschied liegt nach Maiers Darstellung aber gar nicht im Klassenzimmer. „Man hat das klassische Klassenzimmer. Aber das eigentlich Neue ist das zusätzliche Angebot.“ Gemeint sind die sogenannten Marktplätze. An jeden dieser Bereiche grenzen drei bis vier Klassenzimmer. Es handelt sich nicht um abgeschlossene Räume, sondern um möblierte Flurzonen, in die Lehrkräfte ihre Klassen für nicht frontal gesteuerten Unterricht schicken können.
Im Unterricht lassen sich so Lerngruppen einrichten und arbeitsteilig führen: „Da ist es immer gut, wenn man mehr Platz hat.“ Die Schülerinnen und Schüler arbeiten draußen und werden nach einer festgelegten Zeit zur Präsentation zurückgeholt. Auch für Still- und Planarbeit mit eigenem Zeitmanagement sieht Maier einen Gewinn: „Dann ist es schön, wenn man die Schüler ein bisschen verteilen kann.“ Dazu kommen Hausaufgaben und die gemeinsame Vorbereitung auf Klassenarbeiten und Klausuren.
Dass das funktioniert, hat die Schule selbst überrascht. „Für uns waren die Marktplätze zunächst nur Theorie, wir waren gespannt, wie sie in der Praxis aufgenommen werden“, sagt Maier. „Aber das war ohne zusätzliche Anleitung sofort klar, wie die Schüler diese Räume wahrnehmen.“ Und deutlicher: „Die Marktplätze waren sofort in Betrieb, obwohl niemand eine Anleitung geschrieben oder einen Befehl gegeben hat.“
Was in den sanierten Teilen fehlt
Der Vergleich mit dem Bestand macht den Unterschied greifbar. Einzeltische gibt es auch in den bereits sanierten Gebäudeteilen A und B. Was dort fehlt, sind die Marktplätze – weil die räumliche Zuteilung durch den Bestand vorgegeben war. „Das waren alles Flächen, die wir in den sanierten Gebäudeteilen nicht zur Verfügung hatten“, sagt Maier. Die Schule habe dort im Wesentlichen aus Flur und Klassenzimmern bestanden. Die Folge: „Alles, was nach Sitzmöglichkeit ausgesehen hat, das wurde in Beschlag genommen, und sei’s der Boden.“
Die ersten Rückmeldungen zu den Marktplätzen seien sehr positiv, so der Schulleiter. Der Unterricht in den neuen Räumen läuft seit dem Schuljahresbeginn, die formelle Einweihung mit Oberbürgermeister Christian Ruf fand am vergangenen Freitag statt. Rund 20 Millionen Euro hat die Stadt in Sanierung und Erweiterung investiert, 1,68 Millionen Euro kamen als Zuschuss vom Land.
Bleibt der Punkt, an dem der Leser recht behält: Das Foto zeigt einen Raum, der aussieht wie viele Klassenzimmer der vergangenen Jahrzehnte. Maiers Antwort darauf ist, dass der Raum nicht das Konzept ist. „Auf dem Foto wirkt das vielleicht steif, in der Praxis sind sie komplett flexibel.“
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