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Stressdiagnosen auf Höchststand: Beschäftigte fallen häufiger aus – auch in Baden-Württemberg

Knapp 119 Fehltage je 100 Versicherte, 80 Prozent mehr als 2017. Für den Kreis Rottweil liegen keine eigenen Zahlen vor – Anlaufstellen gibt es dennoch.

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Bild von Ulrike Mai auf Pixabay

Beschäftigte in Deutschland sind 2025 so häufig wie nie wegen akuter Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen krankgeschrieben worden. Das geht aus einer Auswertung der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) hervor: Knapp 119 Fehltage kamen demnach auf 100 Versicherte, 2017 waren es noch rund 66. Zahlen für den Landkreis Rottweil enthält die Auswertung nicht – der Trend zeigt sich aber auch in Baden-Württemberg.

Die Kasse mit Sitz in Hannover hat dafür die Krankschreibungen ihrer erwerbstätigen Mitglieder ausgewertet. 2024 lag der Wert bei rund 112 Fehltagen je 100 Versicherte, 2017 – zu Beginn der Zeitreihe – bei etwa 66. Das entspricht einem Anstieg um knapp 80 Prozent innerhalb von acht Jahren.

Dritthäufigster Grund für Krankschreibungen

Nach Angaben der KKH waren akute Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen 2025 die häufigste psychische Diagnose bei Berufstätigen und insgesamt der dritthäufigste Grund für eine Krankschreibung – hinter Infektionen der oberen Atemwege und Rückenschmerzen. Solche Belastungsreaktionen könnten die Vorstufe einer Depression sein, teilt die Kasse mit.

Bei der Einordnung ist die Datenbasis wichtig: Ausgewertet wurden ausschließlich Krankschreibungen von Mitgliedern der KKH, die bundesweit rund 1,5 Millionen Menschen versichert. Erfasst sind Diagnosen der Gruppe F43 nach der internationalen Klassifikation ICD-10, vor allem akute Belastungsreaktionen (F43.0) und Anpassungsstörungen (F43.2); Arbeitslose und Rentner bleiben außen vor. Für die Gesamtheit der Beschäftigten in Deutschland sind die Zahlen damit nicht repräsentativ – andere Kassen kommen wegen abweichender Versichertenstrukturen zu anderen Werten.

Auch im Land steigen die psychischen Fehltage

Ein ähnliches Bild zeichnet die AOK Baden-Württemberg für ihre Versicherten im Südwesten. Insgesamt fielen die bei ihr versicherten Beschäftigten 2025 im Schnitt 21,1 Tage krankheitsbedingt aus und damit etwas weniger als im Jahr zuvor (21,7 Tage). Auf psychische Erkrankungen entfielen dabei rund 2,28 Fehltage je Mitglied – 2016 waren es 1,65 Tage. Das ist ein Plus von etwa 38 Prozent in knapp zehn Jahren.

Psychische Erkrankungen sind nach AOK-Angaben zugleich die Diagnosegruppe mit den längsten Ausfallzeiten: Im Schnitt dauerte ein solcher Fall 28,1 Arbeitsunfähigkeitstage. Die AOK-Zahlen umfassen alle psychischen Diagnosen und sind mit der engeren KKH-Auswertung nicht direkt vergleichbar.

„Unsichtbarer Stress der Unklarheit”

Als Ursachen nennt die KKH neben privaten Belastungen die bekannten beruflichen Stressfaktoren: ein zu hohes Arbeitspensum, dauerhafte Überstunden, geringes Einkommen und Existenzängste sowie Konflikte mit Kolleginnen, Kollegen und Vorgesetzten. Aileen Könitz, Ärztin bei der Kasse, sieht darüber hinaus einen Zusammenhang mit der Art, wie heute gearbeitet wird – mit Laptop, Smartphone und flexiblen Zeiten.

„Ich bezeichne es gern als den unsichtbaren Stress der Unklarheit”, sagt Könitz. „Moderne Arbeit kann erschöpfen, obwohl sie flexibler geworden ist.” Belastend sei nicht nur die Arbeitsmenge, sondern das ständige Interpretieren: Wer ist zuständig? Was wird erwartet? Was darf man ablehnen? Muss man dauernd erreichbar sein? Fehlten klare Regeln, verschwämmen die Grenzen zwischen Job und Freizeit. „Diese ständige Unklarheit kann es erschweren, sich nach der Arbeit gedanklich zu distanzieren und zur Ruhe zu kommen”, so die Ärztin.

Belege dafür, dass mobiles Arbeiten den Anstieg der Fehltage tatsächlich verursacht, legt die Kasse nicht vor. Es handelt sich um eine Einschätzung ihrer Fachärztin, nicht um ein Ergebnis der Datenauswertung.

Wenn der Arbeitstag in Stücke zerfällt

Ein Punkt, den die Kasse hervorhebt, ist die sogenannte Arbeitszeitfragmentierung – das Aufteilen des Arbeitstags in mehrere kurze Phasen: mittags länger Pause für Sport oder Haushalt, nachmittags die Kinder zum Training fahren, abends noch einmal den Laptop aufklappen.

Für viele verbessere das die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Der häufige Rollenwechsel koste allerdings zusätzlich Zeit und Energie, und wer Arbeit in den Abend verlagert, verkürzt seine Ruhezeiten und dehnt die Arbeitswoche aus. Kurzfristig könne das Konzentration, Schlaf und Wohlbefinden beeinträchtigen, längerfristig chronische Erschöpfung oder einen Burnout begünstigen.

Care-Arbeit ist keine Pause

Besonders deutlich wird Könitz bei unterbrochenen Arbeitstagen zugunsten der Familie: „Das gilt vor allem, wenn Berufstätige ihren Job zugunsten von Care-Arbeit für die Familie unterbrechen. Denn dann machen sie keine Erholungspause, sondern arbeiten unbezahlt weiter.”

Die Kasse empfiehlt Unternehmen deshalb verbindliche Obergrenzen für die tägliche Arbeitszeit, klare Regeln für Ruhezeiten und feste Absprachen darüber, auf welchen Kanälen und zu welchen Zeiten kommuniziert wird. Führungskräfte sollten Pausen und Feierabend respektieren. Beschäftigten rät sie zu festen Arbeits- und Pausenzeiten, zum Abschalten digitaler Geräte nach Feierabend sowie zu Bewegung, Entspannungsübungen und sozialen Kontakten. Auf eigene Präventions- und Coaching-Angebote weist die KKH ebenfalls hin.

Anlaufstellen im Landkreis Rottweil

Wer psychisch stark belastet ist, findet im Kreis Rottweil mehrere Anlaufstellen. Erste Ansprechpartner sind in der Regel die Hausarztpraxen. Für die psychiatrische Versorgung im Landkreis ist das Vinzenz von Paul Hospital in Rottweil zuständig; es betreibt neben der Klinik unter anderem psychiatrische Institutsambulanzen und einen Sozialpsychiatrischen Dienst, an den sich Betroffene und Angehörige wenden können. Hinzu kommen Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbände sowie niedergelassene Psychotherapeutinnen und -therapeuten – bei denen die Wartezeiten allerdings auch in der Region regelmäßig mehrere Monate betragen.

Autor / Quelle:NRWZ-Redaktion
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