Rottweil/Villingen-Schwenningen/Stuttgart – Das neue Ausbildungsjahr hat am 1. September begonnen – und es liefert für die Region ein bemerkenswert widersprüchliches Bild. Während das Handwerk zwischen Konstanz, Waldshut, Rottweil, Tuttlingen und dem Schwarzwald-Baar-Kreis einen kräftigen Zuwachs an neuen Lehrverträgen meldet, verzeichnet die Industrie- und Handelskammer Schwarzwald-Baar-Heuberg ein Minus. Beide Kammern eint jedoch eine Botschaft: Wer noch keinen Platz hat, muss die Suche nicht aufgeben.
Plus 15,5 Prozent: Das Handwerk zieht wieder an
Die Zahlen der Handwerkskammer Konstanz fallen deutlich aus: 1.549 neue Ausbildungsverhältnisse zählt die Kammer aktuell in ihrem Bezirk, zu dem auch der Landkreis Rottweil gehört. Das sind 15,5 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Wegen einer Umstellung im Eintragungsverfahren sind kleinere Verschiebungen bei der Endabrechnung allerdings noch möglich.
Auffällig ist dabei die Herkunft des Nachwuchses: Knapp 17 Prozent der neuen Auszubildenden bringen Abitur oder Fachhochschulreife mit – ein neuer Höchststand. Am stärksten nachgefragt sind die Klassiker: Kfz-Mechatroniker (216 neue Auszubildende), Elektroniker (173), Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik (155) und Zimmerer (143).
Kammerpräsident Werner Rottler führt die Entwicklung auf einen „deutlichen Imagewandel“ zurück. Viele junge Menschen sähen im Handwerk heute eine moderne Branche, in der man etwas bewegen könne. Hinzu kämen zwei handfeste Gründe: die verhaltene Lage in Teilen der Industrie – und die Suche nach Tätigkeiten, die sich nicht wegautomatisieren lassen. „Die beste KI wird auch künftig keine Wärmepumpe installieren, keine Solaranlage aufs Dach montieren und keine Haare schneiden können“, sagt Rottler. Die Übernahmechancen seien hoch, die Beschäftigungsaussichten stabil.
Minus 5,8 Prozent bei der IHK – aber besser als das Land
Anders sieht es bei den IHK-Berufen aus. Die IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg registriert zum Ausbildungsstart 2026 5,8 Prozent weniger neu eingetragene Ausbildungsverträge als im Vorjahr. Der Rückgang fällt damit allerdings deutlich milder aus als im Landesdurchschnitt, der bei minus neun Prozent liegt. Stichtag der Erhebung war der 26. August, bis zum offiziellen Ausbildungsbeginn waren also noch Veränderungen möglich.
„Natürlich hätten wir uns mehr neue Ausbildungsverträge gewünscht“, räumt IHK-Hauptgeschäftsführer Thomas Albiez ein. Gleichzeitig zeige das Ergebnis, dass viele Unternehmen der Region auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Verantwortung übernähmen und in ihren Fachkräftenachwuchs investierten. Der Bedarf an qualifizierten Fachkräften sei angesichts des demografischen Wandels unverändert hoch: „Die Unternehmen wissen, dass sie ihre Fachkräfte von morgen überwiegend selbst ausbilden müssen.“
Ein Thema, das die IHK dabei besonders betont, ist die Digitalisierung. Künstliche Intelligenz verändere Arbeitsabläufe und Berufsbilder, sagt Miriam Kammerer, stellvertretende Geschäftsbereichsleiterin Bildung und Prüfung. Umso wichtiger sei eine fundierte Ausbildung, die junge Menschen befähige, neue Technologien kompetent und verantwortungsvoll einzusetzen. Die Kammer verweist auf 120 IHK-Ausbildungsberufe in der Region sowie auf die Zusatzqualifikation „Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen“, die inzwischen an fünf Berufsschulen in der Region angeboten wird.
Landesweit: 17.000 Stellen unbesetzt, 11.000 Bewerber ohne Platz
Der Blick nach Stuttgart zeigt, wie sehr Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungsmarkt auseinanderlaufen. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit kommen derzeit rechnerisch 81 Bewerberinnen und Bewerber auf 100 gemeldete Stellen. In Baden-Württemberg sind über 17.000 Ausbildungsstellen unbesetzt – gleichzeitig stehen rund 11.000 Bewerberinnen und Bewerber ohne Platz da.
Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut appelliert deshalb an beide Seiten: Auch nach dem offiziellen Start des Ausbildungsjahres könnten noch Verträge geschlossen werden. Die Betriebe ermutigt sie ausdrücklich, auch Bewerbern eine Chance zu geben, „deren Potenzial sich vielleicht nicht auf den ersten Blick erschließt“. Wie gut sich eine Ausbildung auszahlt, macht eine Zahl deutlich: Rund drei Viertel der Absolventinnen und Absolventen werden anschließend von ihrem Betrieb übernommen.
Wer jetzt noch sucht
Der Einstieg ist auch nach dem 1. September möglich. Im Handwerk führt der schnellste Weg meist über eine direkte Anfrage bei einem Betrieb; Informationen und eine Ausbildungsplatzbörse bietet die Handwerkskammer unter www.hwk-konstanz.de/ausbildung. Auch die IHK ruft Jugendliche ohne Platz dazu auf, die bestehenden Chancen zu nutzen – für Kurzentschlossene gebe es in zahlreichen Unternehmen weiterhin attraktive Einstiegsmöglichkeiten.
Wer noch am Anfang der Orientierung steht, kann die landesweiten Praktikumswochen nutzen. Vom 12. Oktober bis zum 6. November können Schülerinnen und Schüler ab Klasse 8 unkompliziert ein oder mehrere Tagespraktika in verschiedenen Unternehmen absolvieren. Die Anmeldung ist für Jugendliche wie für Betriebe kostenfrei möglich unter www.praktikumswoche-bw.de.
Rottler mahnt derweil zur Eile: Wer nach dem Schulabschluss dauerhaft in Helferjobs hängenbleibe, riskiere später geringere Verdienst- und Entwicklungsmöglichkeiten. Seine Kammer fordert mehr praktische Berufsorientierung an allen Schulformen – und setzt Hoffnungen in das geplante Freiwillige Handwerksjahr.
