Personalmangel: Stemke-Filiale in der Ruhe-Christi-Straße vorerst geschlossen – Bäckerei erklärt sich

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Rottweil. Ein Zettel im Schaufenster sorgt für Gesprächsstoff: Die Bäckerei Stemke hat ihre Filiale in der Ruhe-Christi-Straße 38 „ab sofort“ geschlossen – wegen Personalmangels. In den sozialen Netzwerken entzündete sich daran eine Debatte über Löhne, Arbeitszeiten und Bürgergeld. Der Betrieb selbst spricht von Krankheit und Urlaub – und sucht Verstärkung. Ein Einzelfall ist das nicht: Das Bäckerhandwerk kämpft bundesweit mit dünner Personaldecke.

Seit dem vergangenen Wochenende hängt der Aushang an der Scheibe des „Brot- & Kuchenladens mit Kaffeestube“: „Sehr geehrte Kunden, wegen Personalmangel haben wir ab sofort geschlossen“, heißt es darin. Backwaren gebe es weiterhin in der zweiten Rottweiler Filiale in der Bruggerstraße 57, auch der Hermes-Paketshop sei dorthin verlegt. „Wir hoffen auf Ihr Verständnis.“

Wichtig für die Nachbarschaft

Besonders betroffen sind Menschen, für die der Weg in die Bruggerstraße nicht ohne Weiteres zu bewältigen ist. In der Facebook-Gruppe „Stadtgeflüster Rottweil“, in der ein Foto des Aushangs gepostet wurde, wird auf die Bewohner des nahen Heims der St. Antonius-Stiftung für Hörgeschädigte und die Kundschaft aus der benachbarten HAMSL-Wohnanlage verwiesen. Ein Kommentator betont, die Bäckerei sei gerade für die älteren Menschen in den umliegenden Seniorenwohnanlagen von großer Bedeutung.

Die Filiale hat eine lange Geschichte: Im März 2006 hat die Bäckerei Stemke den traditionsreichen Betrieb in der Ruhe-Christi-Straße übernommen. Seit vielen Jahren gab es dort zuvor die Bäckerei Grötzinger. Das Familienunternehmen aus Oberndorf am Neckar wird bereits in der dritten Generation geführt.

Debatte um Bürgergeld, Lohn und Work-Life-Balance

Unter dem Facebook-Beitrag entwickelte sich schnell eine Diskussion, die weit über die Bäckerei hinausgeht. Ein Nutzer fragt, wo sich „die drei Millionen Arbeitslosen verstecken“, und vermutet, das Bürgergeld sei womöglich zu hoch. Andere halten dagegen: Vielleicht sei der Lohn in einem Backshop schlicht zu niedrig – oder Bewerber erhielten trotz zahlreicher Bewerbungen nur Absagen.

Ein weiterer Kommentator nimmt den Betrieb in Schutz: Stemke zahle den üblichen Lohn und gebe Leuten auch mal eine Chance – doch sobald Sonntagsarbeit und frühes Aufstehen anstünden, seien viele wieder weg. Ähnlich argumentiert eine Nutzerin: Im Verkauf mit Samstags- und Sonntagsdiensten wolle heute kaum noch jemand arbeiten, die Work-Life-Balance habe überall Vorrang.

Bäckerei: „Hinter einem kleinen Betrieb stehen Menschen“

Die Bäckerei meldete sich selbst in der Gruppe zu Wort. Jenny Stemke schreibt im Namen des Unternehmens, Krankheit und Urlaub ließen sich nicht auf Knopfdruck planen. Man bedauere die derzeitige Schließung und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten sehr. Gerade als kleiner Betrieb sei es nicht immer möglich, personelle Ausfälle kurzfristig aufzufangen.

Zugleich nutzt sie den Beitrag für einen Aufruf: Wer das Team unterstützen möchte, könne sich unter baecker@stemke.de bewerben. Man hätte das Café gerne auch nachmittags geöffnet, „aber keiner möchte nachmittags arbeiten“. Und sie bittet um einen anderen Blick auf die Situation: Bei solchen Beiträgen solle berücksichtigt werden, dass hinter einem kleinen Betrieb Menschen stehen „und nicht nur eine geöffnete Ladentür“.

Dass der Betrieb das Nachwuchsproblem nicht erst seit gestern kennt, zeigt ein Blick auf die eigene Website: Stemke bildet jedes Jahr im Bereich Bäckerei und im Verkauf aus. Dies sei Gründerin Annerose Stemke ein besonders großes Anliegen, um auch in Zukunft für qualifizierte Fachkräfte in diesem Handwerk zu sorgen.

Die Reaktionen auf die Stellungnahme fielen überwiegend wohlwollend aus. Nutzer dankten, wünschten Erfolg – und hoffen, dass „derzeitig“ nicht „endgültig“ bedeutet. Ein Kommentator würde vor allem den Kokos-Schoko-Kuchen vermissen.

Eine Branche mit „Sorgenkind Personal“

Was in der Ruhe-Christi-Straße zu beobachten ist, spiegelt eine bundesweite Entwicklung. Der Branchenumsatz im deutschen Bäckerhandwerk stieg 2025 zwar um 1,3 Prozent auf 18,14 Milliarden Euro, gleichzeitig verlangsamte sich der Rückgang der Betriebszahlen und die Zahl der Neugründungen erreichte mit 448 einen neuen Höchststand seit 2018. Dennoch: Die Anzahl der handwerklichen Bäckereibetriebe sank im vergangenen Jahr um 2,8 Prozent auf 8659 Unternehmen. Der Strukturwandel setzt sich fort, wenn auch etwas langsamer als in den Vorjahren. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre hat die Zahl der Betriebe um mehr als 30 Prozent abgenommen. Bei sinkender Zahl der Betriebe und nahezu unveränderter Zahl der Verkaufsstellen erhöhte sich die Zahl der Filialen pro Betrieb – die durchschnittliche Mitarbeiterzahl liegt mittlerweile bei 26,8. Kleine Familienbetriebe wie Stemke sind damit zunehmend die Ausnahme.

Der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks spricht seit Jahren vom „Sorgenkind Personal“ – es werde für Betriebe zunehmend schwieriger, gute Mitarbeiter zu bekommen und Azubis einzustellen. Der Personal- und Fachkräftemangel hat eine direkte Folge: Die Arbeitsbelastung der Beschäftigten steigt. Hinzu kommen Gründe, die auch in der Rottweiler Facebook-Debatte genannt wurden: Der strukturelle Fachkräftemangel zeigt sich insbesondere in Betrieben mit Nacht- und Wochenendarbeit. Einen Lichtblick gibt es immerhin: Die aktuellen Auszubildendenzahlen für das Bäckerhandwerk sind zum zweiten Mal in Folge wieder angestiegen. Viele Betriebe haben ihren Suchradius bei der Rekrutierung von Nachwuchskräften international ausgeweitet und die Möglichkeiten des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes genutzt.

Ob und wann die Filiale in der Ruhe-Christi-Straße wieder öffnet, ist derzeit offen.

Autor / Quelle:NRWZ-Redaktion
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