Das Rottweiler Spital. Foto: Peter Arnegger

Hitzeschutz im Rottweiler Spital: Viele Maßnahmen, aber noch kein gebündelter Plan

Keine auffällige Häufung von Zwischenfällen - eine Statistik liegt jedoch nicht vor. // Serie Hitzeschutz im Pflegeheim

Autor / Quelle:
Lesezeit 8 Min.

Wie gut sind ältere und pflegebedürftige Menschen während Hitzeperioden geschützt? Nach einer Anfrage der NRWZ hat der Betreiber des Spitals am Nägelesgraben und des Luisenheims Stellung genommen. Demnach gibt es organisatorische Regelungen, klimatisierte Rückzugsbereiche und zusätzliche Getränkeangebote. Zugleich fehlen bislang eine einheitliche Temperaturdokumentation, eine zentrale Risikostatistik und ein ausdrücklich so bezeichneter Hitzeschutzplan.

Rottweil – Regeln vorhanden, Zusammenführung wird geprüft

In den Pflegeeinrichtungen Spital am Nägelesgraben und Luisenheim bestehen nach Angaben der Vinzenz von Paul Hospital gGmbH schriftliche und organisatorische Regelungen für den Umgang mit hohen Temperaturen. Sie würden insbesondere während Hitzeperioden umgesetzt, teilte Rainer Pfautsch von der Öffentlichkeitsarbeit des Trägers auf Anfrage der NRWZ mit. Einen gebündelten Hitzeschutzplan gibt es demnach bislang jedoch nicht. Derzeit werde geprüft, die bestehenden Regelungen in einem solchen Plan zusammenzuführen. Eine eigens benannte Hitzeschutzbeauftragte oder einen Hitzeschutzbeauftragten gibt es ebenfalls nicht. Die Gesamtverantwortung liege bei der jeweiligen Einrichtungsleitung. An der Umsetzung beteiligt seien Pflege, Betreuung, Hauswirtschaft, Technik und die Leitungskräfte.

Pfautsch weist darauf hin, dass wegen der Urlaubszeit einige Leitungskräfte sowie die Technische Leitung derzeit nicht verfügbar seien. Einzelne Detailangaben könnten deshalb möglicherweise erst nach interner Prüfung nachgereicht werden.

Keine flächendeckende Temperaturdokumentation

Die Raumtemperaturen werden laut Stellungnahme anlassbezogen und in einzelnen relevanten Bereichen kontrolliert. Eine standardisierte und durchgehende Messung in sämtlichen Bewohnerzimmern und Aufenthaltsbereichen finde derzeit nicht statt. Damit liegen für Juni, Juli und den bisherigen August 2026 auch keine vollständigen Höchstwerte für die gesamten Einrichtungen vor. Aus der Stellungnahme geht zudem nicht hervor, ob es intern festgelegte Temperaturschwellen gibt, bei deren Überschreitung bestimmte Maßnahmen verbindlich ausgelöst oder verstärkt werden.

Bei hohen Temperaturen würden unter anderem Außenjalousien und andere Beschattungseinrichtungen genutzt. Hinzu kämen angepasstes Lüften, zusätzliche Getränkeangebote, Ventilatoren sowie die Nutzung kühlerer Bereiche. Vereinzelt seien Hitzeschutzfolien angebracht worden. Neubauten und modernisierte Räume verfügten über eine verbesserte Dämmung.

Klimatisierte Rückzugsräume vorhanden

Nach Angaben des Trägers gibt es in beiden Einrichtungen mehrere kühlere beziehungsweise klimatisierte Aufenthalts- und Rückzugsbereiche. Diese seien auch für Menschen mit eingeschränkter Mobilität erreichbar. Bei bettlägerigen Bewohnerinnen und Bewohnern werde die Nutzung bei Bedarf durch die Beschäftigten organisiert.

Wie viele Plätze in diesen Bereichen konkret zur Verfügung stehen, beantwortet der Betreiber nicht. Auch zur Anzahl der eingesetzten Ventilatoren gibt es keine genaue Angabe. Sie würden jedoch „großflächig“ eingesetzt und von der jeweiligen Einrichtung angeschafft. Die Bewohnerinnen und Bewohner beziehungsweise ihre Angehörigen müssten die Geräte demnach nicht selbst finanzieren.

Individuelle Risiken werden pflegerisch berücksichtigt

Ältere Menschen, chronisch Kranke und Pflegebedürftige können durch hohe Temperaturen besonders gefährdet sein. Der Betreiber erklärt, individuelle gesundheitliche Risiken würden im Pflege- und Betreuungsprozess berücksichtigt. Eine zentral auswertbare Einteilung nach Hitzerisiken werde allerdings nicht geführt. Daher könne nicht angegeben werden, wie viele Bewohnerinnen und Bewohner aktuell als besonders gefährdet gelten.

Auf eine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme werde grundsätzlich bei allen Bewohnerinnen und Bewohnern geachtet. Bei besonders gefährdeten Personen erfolgten eine engmaschigere Beobachtung und Dokumentation. Wenn jemand zu wenig trinke, würden die Beschäftigten wiederholt ans Trinken erinnern, beim Trinken helfen und wasserreiche Speisen anbieten. Bei Anzeichen von Austrocknung, Kreislaufproblemen oder einer Verschlechterung des Allgemeinzustands werde ärztlicher Rat eingeholt oder eine medizinische Behandlung eingeleitet.

Eine routinemäßige Überprüfung sämtlicher Medikamente vor oder während einer Hitzeperiode beschreibt der Betreiber nicht. Bei gesundheitlichen Auffälligkeiten und möglichen hitzebedingten Veränderungen werde jedoch Kontakt zu den behandelnden Ärztinnen und Ärzten aufgenommen.

Keine grundsätzliche Personalaufstockung bei Hitze

Eine pauschale Verstärkung des Personals an jedem heißen Tag ist nicht vorgesehen. Bei besonderen Wetterlagen oder konkreten gesundheitlichen Belastungen könnten die Abläufe und gegebenenfalls die personelle Unterstützung angepasst werden. Dies werde von der Heimleitung im Rahmen der bestehenden Dienstplanung organisiert. Konkrete Zahlen dazu, wie viele Pflegekräfte nachts für wie viele Bewohnerinnen und Bewohner zuständig sind, nennt der Betreiber nicht. Die Besetzung richte sich nach Belegung, Pflegeintensität und der jeweiligen Versorgungssituation.

Auf die Frage nach der letzten Schulung zum Hitzeschutz teilte Pfautsch mit, die Mitarbeitenden seien einrichtungsübergreifend per Rundmail über erforderliche Maßnahmen informiert worden. Ob darüber hinaus praktische Schulungen stattgefunden haben und wie viele Beschäftigte daran teilgenommen haben, geht aus der Antwort nicht hervor.

Keine auffällige Häufung von Zwischenfällen

Nach Darstellung des Betreibers wurde im Sommer 2026 bislang keine auffällige Häufung hitzebedingter Zwischenfälle festgestellt. Zahlen zu Kreislaufkollapsen, Austrocknungen oder Krankenhauseinweisungen werden allerdings nicht genannt. Eine Statistik zu hitzebedingten Sterbefällen liege ebenfalls nicht vor.

Beim Qualitätsmanagement seien keine Beschwerden wegen Hitze registriert worden. Dass Bewohnerinnen, Bewohner oder Angehörige heiße Tage als belastend empfänden und dies ansprächen, sei nachvollziehbar, so der Betreiber. Solche Äußerungen würden allerdings nicht automatisch als formelle Beschwerden gewertet.

Angehörige besonders unterstützungsbedürftiger Bewohnerinnen und Bewohner würden situationsbezogen informiert. Eine allgemeine, aktive Information aller Angehörigen über Hitzerisiken und Schutzmaßnahmen ist der Stellungnahme nicht zu entnehmen.

Medizinischer Dienst war im Juni im Haus

Die Einrichtungen stünden im Rahmen der üblichen Abläufe mit der Heimaufsicht des Landratsamts Rottweil in Kontakt. Begehungen fänden regelmäßig statt. Ein konkretes Datum der letzten Begehung durch die Heimaufsicht nennt der Betreiber nicht. Der Medizinische Dienst habe die Einrichtung zuletzt im Juni 2026 geprüft.

Betreiber verweist auf Grenzen und Finanzierung

Der Träger betont, dass sich Bestandsgebäude nicht kurzfristig und vollständig an die Folgen des Klimawandels anpassen ließen. Eine flächendeckende Klimatisierung sei aus technischen, wirtschaftlichen und teilweise ökologischen Gründen nicht überall sinnvoll oder machbar. Auch die personellen Möglichkeiten seien während außergewöhnlicher Hitzeperioden begrenzt.

Wo organisatorische Maßnahmen nicht mehr ausreichten und größere Investitionen notwendig würden, brauche es nach Auffassung des Betreibers eine verlässliche Refinanzierung.

Maßnahmen vorhanden – Datenlage bleibt lückenhaft

Die Stellungnahme zeigt, dass in den Rottweiler Einrichtungen eine Reihe von Schutzmaßnahmen praktiziert wird: Beschattung, Ventilatoren, zusätzliche Getränke, kühlere Rückzugsbereiche und eine verstärkte Beobachtung gefährdeter Menschen.

Sie zeigt aber auch Lücken: Es gibt bislang keinen gebündelten Hitzeschutzplan, keine flächendeckende und standardisierte Temperaturerfassung, keine zentrale Statistik über besonders gefährdete Bewohnerinnen und Bewohner und keine genauen Zahlen zu möglichen hitzebedingten Zwischenfällen. Mehrere konkrete Fragen – etwa zur Zahl der gekühlten Plätze, zur nächtlichen Personalbesetzung und zu verbindlichen Temperaturschwellen – bleiben offen.

Mehr zum Thema in unserer ersten Folge “St. Elisabeth legt seine Regeln für heiße Tage offen”.

Was meinen Sie?

  • Reichen die beschriebenen Maßnahmen aus, um pflegebedürftige Menschen während längerer Hitzeperioden zu schützen?
  • Sollten Temperaturen in Bewohnerzimmern verbindlich gemessen und dokumentiert werden?
  • Braucht jede Pflegeeinrichtung einen öffentlich nachvollziehbaren Hitzeschutzplan?
  • Sollte es feste Temperaturschwellen geben, ab denen zusätzliche Maßnahmen oder mehr Personal vorgeschrieben sind?
  • Wie viel Klimatisierung ist in Pflegeheimen notwendig – und wer soll die Investitionen bezahlen?
  • Welche Erfahrungen haben Bewohnerinnen, Bewohner, Angehörige und Beschäftigte in Rottweiler Pflegeeinrichtungen gemacht?

Schreiben Sie uns gerne an verlag@nrwz.de.

Die Stellungnahme wurde der NRWZ von Rainer Pfautsch, Öffentlichkeitsarbeit und Marketing der Vinzenz von Paul Hospital gGmbH, übermittelt. Wegen urlaubsbedingter Abwesenheiten waren nach Angaben des Trägers zunächst nicht alle technischen Detailangaben verfügbar.

Abonnieren
Benachrichtigen bei
1 Kommentar
Neueste
Älteste Meistbewertet

Danke, dass Sie die NRWZ lesen.

NRWZ.de ist kostenlos. Damit das so bleibt, brauchen wir Werbeeinnahmen — die funktionieren besser mit Ihrer Einwilligung. Nutzen Sie NRWZ kostenlos mit Werbung oder unterstützen Sie unsere Redaktion mit einer Steady-Mitgliedschaft und lesen dafür werbefrei.

Kostenlos mit Werbung

Der kostenlose Zugang wird durch Werbung finanziert. Dafür bitten wir um Ihre Einwilligung in die dafür notwendigen Cookies und Dienste.

Bereits Mitglied? Dann können Sie sich direkt einloggen:

Werbefrei mit Steady

Mit Steady unterstützen Sie unabhängigen Lokaljournalismus aus der Region und lesen NRWZ ohne Werbung*.

*Frei von Werbung über die externen Anbieter Google und Taboola. Lokale Werbung zeigen wir im Interesse unserer Direktkunden weiterhin an.

Mehr Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung und im Impressum.