Im Landkreis Rottweil gibt es für rund 1.140 Kinder unter drei Jahren einen Kitaplatz – eine Betreuungsquote von gut 27 Prozent. Damit liegt der Kreis deutlich unter dem Bedarf, den Eltern in Baden-Württemberg laut einer Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) tatsächlich haben. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) warnt nun, dass sich die Lage für berufstätige Eltern in der Region weiter zuspitzen könnte – falls die Bundesregierung ihre Pläne zur Reform des Arbeitszeitgesetzes umsetzt.
Rund 1.140 Kinder unter drei Jahren haben im Landkreis Rottweil derzeit einen Betreuungsplatz. Das entspricht einer Quote von etwa 27 Prozent, wie die amtliche Statistik ausweist. Zum Vergleich: Den tatsächlichen Bedarf, den Eltern in Baden-Württemberg an U3-Betreuung haben, beziffert eine Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) auf rund 46 Prozent. Auf diese Zahlen beruft sich die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) Schwarzwald-Hochrhein.
„Das ist zu wenig. Vor allem wenn Eltern arbeiten, müssen sie sich darauf verlassen können, dass ihre Kinder betreut werden”, sagt NGG-Geschäftsführer Burkhard Siebert. Aus Sicht der Gewerkschaft trifft die knappe Betreuungssituation auf eine zusätzliche Belastung: die von der Bundesregierung geplante Reform des Arbeitszeitgesetzes.
Tatsächlich arbeitet die Bundesregierung aus Union und SPD an einer Neuregelung. Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) hat dazu einen Referentenentwurf vorgelegt, der die bisherige tägliche Höchstarbeitszeit von acht Stunden durch eine wöchentliche Obergrenze von 48 Stunden ersetzen soll – orientiert an der europäischen Arbeitszeitrichtlinie. Möglich würden dadurch, per Tarifvertrag, auch einzelne Arbeitstage von bis zu zwölf Stunden, solange der Wochendurchschnitt eingehalten wird. Wichtig für die Einordnung: Es handelt sich bislang um einen Referentenentwurf, nicht um geltendes Recht. Ein Inkrafttreten wird frühestens Ende 2026 oder 2027 erwartet. Die SPD betont zudem, im Koalitionsvertrag sei keine Abschaffung des Arbeitszeitgesetzes an sich vereinbart worden.
Die NGG sieht in der Reform dennoch ein Risiko für Familien. „Wenn das passiert, dann bricht für Eltern jede Planung bei der Kinderbetreuung zusammen. Denn dann kann ein Arbeitstag auch mal zwei oder sogar dreieinhalb Stunden länger werden. Mit Verlässlichkeit, die Eltern dringend brauchen, hat das nichts mehr zu tun”, sagt Siebert.
Kita- und Arbeitszeiten seien schon jetzt eng aufeinander abgestimmt, argumentiert die Gewerkschaft: Wer sein Kind morgens in die Kita bringt, muss es abends auch pünktlich wieder abholen, bevor die Einrichtung schließt. Kann ein Arbeitstag künftig statt acht auch zehn oder zwölf Stunden dauern, werde die verlässliche Planung für Familien deutlich schwerer.
Auch mit Blick auf die häusliche Pflege sieht die Gewerkschaft Probleme. Wer Angehörige zu Hause pflegt, etwa in Abstimmung mit einem Pflegedienst, brauche vor allem Verlässlichkeit – keinen unvorhersehbar langen Arbeitstag, so Siebert.
Nach einer bundesweiten Beschäftigtenbefragung des Deutschen Gewerkschaftsbunds (Index Gute Arbeit) kümmern sich 51 Prozent der befragten Frauen und 41 Prozent der Männer zu Hause um Angehörige, etwa Kinder oder ältere Familienmitglieder. Gut ein Fünftel aller Beschäftigten gibt demnach schon heute an, häufig Probleme zu haben, Job und Familie zeitlich zu vereinbaren – bei alleinerziehenden Frauen sind es laut derselben Befragung 42 Prozent.
Sollte die Koalition aus Union und SPD den täglichen Achtstundentag kippen und stattdessen ein wöchentliches Limit von 48 Stunden – in Ausnahmefällen nach Darstellung der NGG bis zu 73,5 Stunden – zulassen, drohten aus Sicht der Gewerkschaft „echte Probleme für viele Familien im Kreis Rottweil”, warnt Siebert. Eine unabhängige Bestätigung dieser Ausnahme-Obergrenze lag zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht vor.
Die NGG verweist zudem auf den Fachkräftemangel im Gastgewerbe, im Lebensmittelhandwerk und in der Nahrungsmittelindustrie. „Den Arbeitskräftemangel in diesen Betrieben lösen wir nicht durch längere Arbeitstage, sondern durch bessere Arbeitsbedingungen und mehr Kita-Plätze”, so Siebert.
Die Gewerkschaft verweist außerdem auf gesundheitliche Risiken durch lange Arbeitstage: Nach acht Stunden im Job steige das Unfallrisiko, nach zwölf Stunden sei es nach NGG-Angaben doppelt so hoch wie bei einem regulären Achtstundentag. Auch Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Burnout könnten Folgen zu langer Arbeitstage sein.
