Grenzwert, Richtwert, Sanierungsziel, Faserjahr: Seit dem Asbestfund am Berufsschulzentrum Rottweil kursieren viele Zahlen. Was bedeuten sie? Ein Überblick auf Grundlage der Einordnung von Dr. Heinz-Joachim Adam, Leiter des Gesundheitsamts im Landkreis Rottweil.
Rottweil. In elf von 47 Messpunkten im ältesten Bauabschnitt des Berufsschulzentrums lagen die Werte über 1000 Asbestfasern pro Kubikmeter Luft, vor allem in den Toiletten. Das klingt alarmierend. Doch was sagt so eine Zahl aus? Gesundheitsamtsleiter Adam warnt davor, einen Wert isoliert zu betrachten: „Nur strikt einen Wert zu betrachten, ist nicht zielführend.“ Mancher nutze nur die Werte, die er für seine Argumentation brauche.
Was wird überhaupt gemessen?
Gezählt werden Fasern, nicht Gramm oder Milligramm. Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation zählt eine Faser, wenn sie länger als fünf Mikrometer und dünner als drei Mikrometer ist und mindestens dreimal so lang wie dick. Ein Mikrometer ist ein Tausendstel Millimeter. Solche Fasern sind so fein, dass sie tief in die Lunge gelangen. Angegeben wird die Zahl der Fasern pro Kubikmeter Raumluft. Ein Kubikmeter entspricht etwa einem Würfel von einem Meter Kantenlänge. Ein Erwachsener atmet über einen Arbeitstag von acht Stunden grob zehn Kubikmeter ein.
Die Messung hat Grenzen
Ein Punkt, den Adam ausdrücklich betont: Bei niedrigen Konzentrationen kommt die Messtechnik schnell an ihre Grenzen. Beim üblichen Verfahren nach der Richtlinie VDI 3492 liegt die Nachweisgrenze bei einigen hundert Fasern, teils bei rund 300 Fasern pro Kubikmeter. Werte darunter werden oft hochgerechnet. Ein Messergebnis von 500 oder 1000 Fasern ist also keine auf die Faser genaue Zählung, sondern eine Schätzung mit Unsicherheit.
Asbest ist überall
Asbest ist ein natürliches Mineral und kommt in geringer Konzentration praktisch überall in der Luft vor, besonders in bewohnten Gebieten. Eine hundertprozentige Vermeidung ist deshalb unmöglich. Adam nennt für Deutschland eine Hintergrundbelastung von unter 100 bis einigen hundert Fasern pro Kubikmeter. Studien gingen von bis zu 500 Fasern aus.
Wie stark die Werte schwanken, zeigen Messungen aus Magdeburg, die Adam in seiner Stellungnahme zitiert:
| Ort | Fasern pro m³ |
|---|---|
| Reinluftgebiet | rund 100 |
| Umgebung von Asbestzement | rund 140 |
| Umgebung von Industrieanlagen | rund 330 |
| Vierspurige Innenstadtstraße mit Ampeln | 160 bis 2000 |
| Sporthalle beim Turnen | 800 |
| Sporthalle beim Handballspiel | 1700 |
| Sporthalle nachts | 700 |
| Hallenbad | 8000 |
| Klassenräume in Schulzentren | 2000 |
| Flure in Schulzentren | 15.000 |
Die Messwerte aus dem Rottweiler Berufsschulzentrum bewegen sich damit in einem Bereich, der auch in anderen öffentlichen Gebäuden gemessen wurde.
Welche Werte gibt es?
Die vielen Zahlen stammen aus unterschiedlichen Regelwerken und haben unterschiedliche Zwecke. Adam ordnet sie so ein:
- Sanierungszielwert: 500 Fasern pro m³. Diesen Wert soll ein Raum nach einer Sanierung erreichen. Er gilt als Ziel für Wohngebäude und auch für das Berufsschulzentrum. Laut Adam gilt eine Belastung in Innenräumen bis zu diesem Wert als ungefährlich.
- Wert der Landesbauordnung: 1000 Fasern pro m³. Ab hier sollte saniert werden. Das Fachbüro hat für Rottweil ebenfalls festgelegt, dass ab 1000 gehandelt werden muss. Während laufender Sanierungsarbeiten darf dieser Wert kurzzeitig erreicht werden.
- Geplanter Grenzwert der TRGS: 2000 Fasern pro m³. Die Technischen Regeln für Gefahrstoffe sehen für 2029 einen Gefahr- bzw. Grenzwert in dieser Höhe vor.
- Akzeptanzwert am Arbeitsplatz: 10.000 Fasern pro m³. Er gilt als niedriges, gesellschaftlich toleriertes Risiko bei acht Stunden täglich über ein ganzes Berufsleben, ohne Atemschutz.
- Toleranzwert am Arbeitsplatz: 100.000 Fasern pro m³. Er gilt für Tätigkeiten mit Asbest, dann aber nur mit Atemschutz.
Die Farben der Rottweiler Messübersicht folgen diesen Werten: grün bis 500, orange von 500 bis 1000, rot über 1000.


Warum es keinen „sicheren“ Wert gibt
Bei vielen Schadstoffen kennt man eine Dosis-Wirkungs-Beziehung: Unterhalb einer bestimmten Menge passiert nichts. Daraus lassen sich Schwellen- und Grenzwerte ableiten. Bei Asbest geht das nicht. „Theoretisch könnte auch eine einzige Asbestfaser Krebs auslösen“, schreibt Adam. Deshalb gilt das Minimierungsgebot: so wenig Fasern wie möglich.
Der Grund liegt in der Wirkung. Der Körper kann Asbestfasern nicht abbauen. Sie setzen sich im Gewebe fest, besonders am Brustfell, und verursachen dort immer wieder kleinste Verletzungen. Bei der Wundheilung teilen sich ständig neue Zellen. Je häufiger das geschieht, desto eher kann ein Tumor entstehen. Mögliche Folgen sind Asbestose, Brustfellerkrankungen, das Mesotheliom sowie Lungen- und Kehlkopfkrebs. Akute Beschwerden wie Husten oder Atemnot treten in der Regel nicht auf. Bis eine Krankheit ausbricht, vergehen im Schnitt rund 30 Jahre, in Einzelfällen zehn bis sechzig.
Für Asbest gilt der Satz des Paracelsus, dass die Dosis das Gift macht, deshalb nur bedingt. Nach Adam kommt es auch auf die Dosis an, vor allem aber auf die Dauer der Belastung.
Die Faserjahr-Rechnung
Weil die Dauer entscheidend ist, rechnen die Unfallkassen mit Faserjahren. Ein Faserjahr entspricht der Belastung durch eine Million Fasern pro Kubikmeter Luft bei acht Stunden täglich an 240 Tagen im Jahr. Damit eine Lungenkrebserkrankung als asbestbedingte Berufskrankheit anerkannt wird, sind 25 Faserjahre nötig.
Adams Rechnung für einen Wert von 1000 Fasern pro Kubikmeter:
- Ein ganzes Arbeitsjahr bei 1000 Fasern ergibt 1000 geteilt durch eine Million, also 0,001 Faserjahre.
- Für 25 Faserjahre bräuchte man demnach 25.000 Jahre.
- In der Umweltmedizin rechnet man zur Sicherheit mit einem Aufschlag von ein bis zwei Zehnerpotenzen. Dann wären es immer noch 2500 bzw. 250 Jahre.
Für Berufsschüler ist die tatsächliche Belastung noch geringer. Sie verbringen kaum acht Stunden täglich im Gebäude und meist nicht mehr als fünf Jahre. Zudem wurden die höchsten Werte in den Toiletten gemessen, in denen sich niemand dauerhaft aufhält. In den Klassenräumen gab es laut Schulleitung „keine hohen Eintragungen“.
Also Entwarnung?
Adams Fazit fällt zweiteilig aus. Einerseits sieht er „realistisch gesehen“ keine Gefahr für Schüler und Lehrer, auch nicht unter Berücksichtigung der ohnehin vorhandenen Hintergrundbelastung. Andererseits sagt er klar: „Wenn ich einen Schadstoff habe, der potenziell gesundheitsgefährdend ist, muss ich reagieren und ihn entfernen.“
Das ist kein Widerspruch. Da es keinen sicheren Schwellenwert gibt, ist jede vermeidbare Faser eine zu viel. Die Sanierung dient deshalb nicht der Abwehr einer akuten Gefahr, sondern der Minimierung. Ziel ist, die Belastung in den betroffenen Räumen auf unter 500 Fasern pro Kubikmeter zu senken.
Adam rät dabei zu Umsicht. Bei bekannten Asbestquellen gelte wie bei jeder Altlast: zunächst belassen und beobachten, weil durch eine aktive Entfernung Schadstoffe erst mobilisiert werden können. Gearbeitet wird deshalb nur unter Schutzmaßnahmen.
Woher kommt der Asbest im Gebäude?
Asbest wurde über Jahrzehnte wegen seiner Eigenschaften in großem Stil verbaut, etwa zur Dämmung, für den Brandschutz und in Dichtungen. Laut Adam wurden in praktisch jedem Haus, das vor 1993 gebaut wurde, asbesthaltige Materialien verwendet. Der Bauabschnitt 1 des Berufsschulzentrums, der als Quelle vermutet wird, wurde 1975 errichtet.
Seit 1993 ist Asbest in Deutschland verboten, seit 2005 in der gesamten EU. Weltweit wird es weiter abgebaut, vor allem in Südamerika, Russland, Indien und China, nach Adams Angaben 800.000 bis eine Million Tonnen pro Jahr.
Kurz erklärt
- Fasern pro m³: Zahl der lungengängigen Asbestfasern in einem Kubikmeter Luft.
- 500: Sanierungsziel, gilt als unbedenklich für Innenräume.
- 1000: Ab hier muss gehandelt werden.
- 10.000: Am Arbeitsplatz ohne Atemschutz akzeptiert.
- Faserjahr: eine Million Fasern pro m³ bei acht Stunden täglich an 240 Tagen.
- 25 Faserjahre: Schwelle für die Anerkennung als Berufskrankheit.
- Latenzzeit: im Schnitt rund 30 Jahre vom Kontakt bis zur Erkrankung.
