Es gibt in der neuen TÜV Mobility Studie 2026 eine Zahl, die im Kreis Rottweil anders klingt als in einer Großstadt: 96 Prozent. So hoch ist in Orten mit weniger als 5.000 Einwohnern der Anteil der Menschen, die das Auto mindestens einmal pro Woche nutzen. In Städten mit mehr als 500.000 Einwohnern sind es 66 Prozent.
Beim öffentlichen Nahverkehr zeigt sich das umgekehrte Bild. In den drei untersuchten Ortsgrößenklassen unterhalb von 100.000 Einwohnern nutzen nur acht bis zwölf Prozent regelmäßig Busse und Bahnen. In Städten mit mehr als 500.000 Einwohnern sind es 47 Prozent.
Der Landkreis Rottweil passt in keine einzelne dieser Kategorien. Er hat rund 140.000 Einwohner und umfasst 21 Städte und Gemeinden. 13 davon haben weniger als 5.000 Einwohner. Dort lebt allerdings nur knapp ein Drittel der Kreisbevölkerung. Die Großen Kreisstädte Rottweil und Schramberg fallen dagegen in die Studienklasse zwischen 20.000 und 100.000 Einwohnern.
Die Zahlen dürfen deshalb nicht als Statistik für den Landkreis gelesen werden. Die Befragung ist bundesweit repräsentativ, nicht auf Kreisebene. Sie beschreibt aber ein Gefälle, das für eine ländlich geprägte Region unmittelbar nachvollziehbar ist: Je kleiner der Wohnort, desto häufiger wird das Auto genutzt und desto seltener der öffentliche Nahverkehr.
Der Wunsch und die Wirklichkeit
Für die Studie befragte Forsa im Auftrag des TÜV-Verbands vom 19. März bis 10. April 2026 insgesamt 2.504 deutschsprachige Menschen ab 18 Jahren in einem Online-Panel. Der Verband stellte die Ergebnisse am 25. August in einer Online-Pressekonferenz vor.
Bemerkenswert ist nicht allein die hohe Autonutzung auf dem Land, sondern der Wunsch nach Alternativen. 92 Prozent der Befragten befürworten einen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs in ländlichen Regionen. 76 Prozent wollen, dass die Politik den ÖPNV stärker fördert als bisher. Für den Regional- und Fernbahnverkehr fordern das 72 Prozent.
Eine stärkere Förderung des Pkw-Verkehrs wünschen sich 50 Prozent. Das ist weniger als bei ÖPNV, Bahn, Fuß- und Radverkehr. Noch geringeren Zuspruch erhalten allerdings Carsharing und Mitfahrangebote mit 39 Prozent sowie elektrische Kleinstfahrzeuge mit elf Prozent.
Die Ergebnisse legen einen Widerspruch offen: Gerade dort, wo das Auto besonders häufig genutzt wird, ist die Zustimmung zum Ausbau von Bus und Bahn sehr groß. Die Studie weist allerdings nicht aus, ob es sich dabei jeweils um dieselben Befragten handelt. Der naheliegende Schluss, die Menschen wollten weniger auf das Auto angewiesen sein, bleibt deshalb eine Interpretation.
Gäubahn bleibt vorerst am Hauptbahnhof
Für den Kreis Rottweil wird die Frage nach verlässlichen Alternativen auf der Gäubahn konkret. Die Züge fahren weiterhin bis zum Stuttgarter Hauptbahnhof. Wegen Bauarbeiten besteht derzeit zeitweise Schienenersatzverkehr zwischen Oberndorf und Rottweil, in einzelnen Abschnitten auch weiter in Richtung Tuttlingen. Die Einschränkungen sind nach Angaben des Verkehrsverbunds bis zum 27. September 2026 vorgesehen.
Die lange diskutierte Kappung der Gäubahn in Stuttgart ist inzwischen deutlich nach hinten verschoben worden. Im März 2026 erklärte die Deutsche Bahn vor dem Verwaltungsgerichtshof, eine Unterbrechung werde auf unbestimmte Zeit verschoben und erfolge frühestens 2028.
Nach dem im Juni 2026 vorgelegten Inbetriebnahmeplan der Bahn soll der neue Stuttgarter Hauptbahnhof im Dezember 2031 öffnen. Erst ab dem Frühjahr 2032 sollen die Züge der Gäubahn in Stuttgart-Vaihingen enden. Fahrgäste müssten dort auf S-Bahn oder Stadtbahn umsteigen.
Die künftige Anbindung soll über den rund elf Kilometer langen Pfaffensteigtunnel von Böblingen zum Flughafen erfolgen. Von dort sollen die Züge den neuen Stuttgarter Bahnknoten erreichen. Die Bahn plant die Inbetriebnahme des Tunnels für Dezember 2033.
Damit würde die Unterbrechung nach dem gegenwärtigen Zeitplan ungefähr zwei Jahre dauern. Ältere Angaben des Landesnaturschutzverbands von mindestens sechseinhalb Jahren gingen noch von einer Kappung im Jahr 2026 aus und sind durch den neuen Zeitplan überholt.
Auch bei der Finanzierung hat sich die Lage seit 2025 verändert. Bund und Bahn schlossen im Dezember 2025 die Finanzierungsvereinbarung. Im selben Monat erteilte das Eisenbahn-Bundesamt den Planfeststellungsbeschluss für den Hauptabschnitt. Vorbereitende Arbeiten laufen seit Februar 2026.
Der aktuelle Plan entschärft die jahrelange Unterbrechung, beseitigt sie aber nicht. Für Fahrgäste aus dem Kreis Rottweil bliebe zwischen dem geplanten Ende in Vaihingen und der Eröffnung des Pfaffensteigtunnels eine Phase mit zusätzlichem Umstieg. Ob die Termine eingehalten werden, wird sich erst im weiteren Projektverlauf zeigen.
E-Auto: Der Kreis baut die Ladeinfrastruktur aus
Beim zweiten großen Thema der Studie, der Elektromobilität, ist das Bild gemischt. Jeweils 25 Prozent der Befragten würden beim nächsten Autokauf ein reines Elektroauto oder einen Hybrid wählen. 35 Prozent würden sich für einen Verbrenner entscheiden. Dieser bleibt damit die größte einzelne Antriebskategorie, Elektroauto und Hybrid kommen zusammen aber auf 50 Prozent.
In einem älteren regionalen Vergleich schnitt der Landkreis Rottweil schwach ab. Beim HUK-E-Barometer mit Stand Ende September 2025 belegte er unter den 35 baden-württembergischen Landkreisen Platz 33. Sowohl die Bestandsquote reiner Elektroautos als auch die Wechselquote vom Verbrenner zum Elektroauto lagen unter dem Durchschnitt.
Das HUK-E-Barometer ist allerdings keine vollständige Zulassungsstatistik. Es beruht auf dem privaten Fahrzeugbestand der HUK-Coburg und berücksichtigt keine gewerblichen Flotten. Zudem ist der genannte regionale Vergleich inzwischen fast ein Jahr alt.
Bei der öffentlich zugänglichen Ladeinfrastruktur hat der Kreis deutlich zugelegt. Im Ladesäulenregister der Bundesnetzagentur waren zum Stand 28. Juli 2026 insgesamt 335 Ladepunkte im Landkreis Rottweil verzeichnet. 82 davon tragen ein Inbetriebnahmedatum aus dem laufenden Jahr. Für 2025 sind 40 neue Ladepunkte registriert, für 2024 waren es 38.
Von den 335 Ladepunkten sind 110 nach der Definition der Bundesnetzagentur Schnellladepunkte mit mehr als 22 Kilowatt Leistung. Das entspricht 32,8 Prozent. Die Registerzahlen können sich durch Nachmeldungen noch verändern, da nur Ladeeinrichtungen mit abgeschlossenem Anzeigeverfahren erfasst sind.
Der Ausbau trifft auf Vorbehalte, die in der TÜV-Studie deutlich werden. 57 Prozent nennen die Anschaffungskosten als Hindernis für den Kauf eines Elektroautos, 52 Prozent die Reichweite und 50 Prozent eine unzureichende oder schlecht erreichbare Ladeinfrastruktur.
Unter den 197 befragten Besitzerinnen und Besitzern von Elektroautos berichten 61 Prozent von Reichweitenverlusten im Winter. 49 Prozent kritisieren intransparente Preise an öffentlichen Ladesäulen, 48 Prozent die Vielfalt der Bezahlsysteme. Wegen der kleinen Teilstichprobe sind diese Werte mit einer größeren statistischen Unsicherheit verbunden als die Ergebnisse der Gesamtbefragung.
Oberndorf plant ein Netz für E-Carsharing
Einen weiteren Ansatz verfolgt Oberndorf am Neckar. Der Gemeinderat beschloss am 16. Juni 2026 mit 20 zu zwei Stimmen den stufenweisen Aufbau eines stadtweiten E-Carsharing-Netzes mit dem Anbieter Deer.
Vorgesehen sind acht Standorte mit Ladeinfrastruktur in den Stadtteilen sowie auf dem Lindenhof und in der Oberstadt. An jedem Standort soll eine Normalladesäule mit zwei öffentlich nutzbaren Ladepunkten entstehen. Die Umsetzung ist für die Haushaltsjahre 2027 bis 2029 geplant. Ein erster Standort am Bahnhof soll noch 2026 in Betrieb gehen. Nach der Beschlussvorlage belaufen sich die Gesamtkosten auf rund 118.700 Euro. Ziel sei ein „verlässliches, sichtbares und alltagstaugliches Mobilitätsangebot“, das den öffentlichen Nahverkehr sinnvoll ergänze.
Einzelne Deer-Standorte gibt es im Landkreis bereits, unter anderem in Rottweil, Zimmern, Dietingen und Aichhalden. Neu wäre in Oberndorf der flächendeckende Ansatz. In der TÜV-Studie sprechen sich 55 Prozent für einen stärkeren Ausbau von Sharing-Angeboten für Autos oder Fahrräder aus. Oberndorf könnte damit zeigen, wie tragfähig ein solches Angebot in einer Flächenstadt tatsächlich ist.
Batteriecheck soll Gebrauchtwagenkäufern helfen
Interessant für einen Kreis, in dem Neuwagen für viele Haushalte keine Option sind: Der TÜV-Verband fordert außerdem einen standardisierten Batteriecheck für gebrauchte Elektroautos. Informationen über den Zustand der Batterie seien mindestens so wichtig wie Alter, Laufleistung und HU-Plakette, erklärte der Verband. Ein solcher Nachweis könnte für einen Gebrauchtwagenmarkt wichtig werden, in dem der Zustand des teuersten Fahrzeugbauteils von außen kaum erkennbar ist. Zugleich sollte die Forderung eingeordnet werden: Der TÜV-Verband vertritt die politischen Interessen der TÜV-Prüforganisationen. Zusätzliche Batterieprüfungen und die ebenfalls verlangte Kontrolle von Assistenzsystemen bei der Hauptuntersuchung berühren das Geschäftsfeld seiner Mitglieder.
Beim Parken endet die Zustimmung
Bei der Frage, wie sich der Autoverkehr in Innenstädten verringern lässt, setzt eine große Mehrheit auf zusätzliche Angebote. 91 Prozent halten den Ausbau des ÖPNV für geeignet. Mehr Park-and-Ride-Flächen am Stadtrand erreichen 77 Prozent Zustimmung, die Förderung des Radverkehrs 69 Prozent.
Maßnahmen, die das Autofahren unmittelbar verteuern oder einschränken, schneiden deutlich schlechter ab. Höhere und flächendeckende Parkgebühren halten 26 Prozent für geeignet, eine City-Maut 25 Prozent und den Abbau von Parkplätzen 21 Prozent. Das Ergebnis dürfte auch in Rottweil auf Interesse stoßen. Dort wird seit Jahren über Parkgebühren, Bewirtschaftungszeiten und Vergünstigungen für Kunden und Pendler gestritten. Gleichzeitig kosten die von einer Mehrheit bevorzugten Alternativen Geld.
Der Rottweiler Gemeinderat beschloss im November 2025 ein erstes Paket mit 31 Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung. Das Einsparvolumen wurde mit 1,77 Millionen Euro angegeben, weitere Konsolidierungsrunden wurden angekündigt. Der politische Wunsch nach besserem ÖPNV, Park-and-Ride-Angeboten und Radwegen trifft damit auf enge finanzielle Spielräume.
Mobilität ist mehr als eine Antriebsfrage
Die unbequemsten Ergebnisse der Studie betreffen nicht Motoren, sondern den öffentlichen Raum. 67 Prozent der Befragten bewerten den Zustand der Straßen, Rad- und Gehwege an ihrem Wohnort als eher schlecht oder sehr schlecht. 74 Prozent meinen, Menschen mit körperlichen Einschränkungen würden bei der Verkehrsplanung zu wenig berücksichtigt. Jeweils 67 Prozent sagen das über ältere Menschen ab etwa 75 Jahren und über Schulkinder, die allein unterwegs sind.
Für die Sicherheit von Fußgängern erhält die Instandhaltung der Gehwege im Winter mit 90 Prozent die höchste Zustimmung unter den abgefragten Maßnahmen. Der TÜV-Verband fordert außerdem, die „Vision Zero“, also das Ziel von null Verkehrstoten, als verbindliches Leitprinzip im Straßenverkehrsgesetz zu verankern.
Für den Kreis Rottweil lassen sich aus diesen bundesweiten Zahlen keine konkreten Zustände ableiten. Sie geben den Kommunen aber eine klare Prüfliste: sichere Schulwege, barrierefreie Haltestellen und Gehwege, verlässlicher Winterdienst sowie erreichbare Alternativen zum eigenen Auto.
Die Studie zeigt damit vor allem eines: Die Debatte über Mobilität entscheidet sich nicht allein zwischen Verbrenner und Elektroauto. Sie entscheidet sich auch daran, ob Menschen ohne eigenes Auto ihren Alltag bewältigen können und ob Städte und Gemeinden die dafür notwendige Infrastruktur finanzieren.
Zur Studie: Grundlage der TÜV Mobility Studie 2026 ist eine bundesweit repräsentative Forsa-Befragung im Auftrag des TÜV-Verbands. Befragt wurden 2.504 deutschsprachige Personen ab 18 Jahren vom 19. März bis 10. April 2026 in einem Online-Panel. Die statistische Fehlertoleranz beträgt laut Studienbericht plus oder minus zwei Prozentpunkte. Die Ergebnisse sind auf die erwachsene Bevölkerung Deutschlands übertragbar, nicht auf einzelne Landkreise. Die nach Ortsgröße ausgewiesenen Werte beschreiben bundesweite Gruppen und sind keine Messergebnisse für den Landkreis Rottweil.
Quellen: TÜV Mobility Studie 2026, Deutsche Bahn: Inbetriebnahmeplan Stuttgart 21, Bundesnetzagentur: Ladeinfrastruktur, Stadt Oberndorf: Beratungsvorlage E-Carsharing.
