Die einen zahlen über 2000 Euro im Jahr für etwas, das die anderen gratis bekommen. Die Betroffenen beschweren sich. Und die Verantwortlichen, oder besser diejenigen, die das Ganze vor Ort umsetzen müssen, schauen ziemlich bedröppelt drein.
Rottweil – Aus der Johanniterschule gab es schon im März Protest (wir berichteten), nachdem der Gemeinderat die neue Gebührensatzung beschlossen hatte. Nun hat sich auch der Elternbeirat der Göllsdorfer Grundschule am Dissenhorn zu Wort gemeldet. Sie ist ebenfalls, wie die Johanniter-, eine Halbtagesschule, an der die weitere Betreuung gebührenpflichtig ist. Und das nicht zu knapp. Wobei sich die Angaben unterscheiden: Die Sprecherin der Johanniterschul-Eltern, Dr. Veronika Effinger, kommt auf monatlich 184 Euro, jährlich 2169. Die Göllsdorfer Eltern Valery Bafa’a und Jonas Weber auf 203 Euro, im Jahr 2233. Berechnet werden elf Monate im Jahr.
Einen Verstoß gegen die Gleichbehandlung, das sehen beide. Alle Schülerinnen und Schüler sollten gleiche Bedingungen haben. So fordert es Dr. Veronika Effinger, engagiert auftretende Mutter. „Soll ich denn nur für die Stadt arbeiten?“, fragt eine andere Mutter.
Ihre Forderung ist, die Johanniter-Schule zur Ganztagesschule zu machen. Das, so sagte Oberbürgermeister Dr. Christian Ruf am Mittwoch bei der Ausschusssitzung, geht nicht. Weder in Göllsdorf noch in der Johanniterschule. Denn Ganztagesschulen, so ist die Vorgabe aus Stuttgart, sollten erst Schulen ab 100 Schülerinnen und Schülern werden. Die Johanniterschule hat 73, die Schule am Dissenhorn 81, berichtete Ruf. Und die Johanniterschule, so schrieb Bürgermeisterin Ines Gaehn an die Eltern, kann nicht alle notwendigen Einrichtungen aufnehmen. Gaehn und Ruf sehen sich, wie berichtet, an bestehende Vorschriften gebunden. Beiden war am Mittwoch anzumerken, dass ihnen die Sache schwer im Magen liegt.
Ungleichbehandlung?
Dabei gäbe es eigentlich für alle Eltern eine Möglichkeit, die Gebühren zu vermeiden: Ihre Kinder wechseln an eine Ganztagesschule. Da gibt es einige in Rottweil. Doch da hält sich die Begeisterung in sehr engen Grenzen. Sowohl bei den betroffenen Eltern als auch bei der Stadt.
Auch wenn Rottweil in Schulbezirke eingeteilt ist: Schulwechsel geht. Das hat das Staatliche Schulamt Donaueschingen Veronika Effinger mit einer E-Mail bestätigt. Die Mail liegt uns vor. „Die Begründung für einen Schulbezirkswechsel lautet dann, dass Sie die Betreuungsform der Ganztagesschule für Ihr Kind wünschen“, steht da. Fürs kommende Schuljahr geht das allerdings nicht mehr, dafür ist es zu spät. Auch das beanstandet Effinger: dass sie bei der Anmeldung nicht darüber informiert wurde. Das hätte sie aber selbst machen können, so heißt es aus dem Rathaus: „Die Eltern haben jederzeit die Möglichkeit, sich vor der Schulanmeldung hierzu zu informieren. Dies wurde in den vergangenen Jahren auch genutzt.“
Also: Die Johanniterschüler können zum Beispiel in die Römer- oder die nahe gelegene Konrad-Witz-Schule gehen, wo sie auf Stadtkosten betreut werden. Und die Göllsdorfer könnten ihre Kinder in die nahe Altstadt schicken, in die Römerschule. Aber da kommt keine Begeisterung auf, wie die Göllsdorfer Eltern schreiben. Es geht um „das örtliche Zusammenleben. Göllsdorf ist ein Stadtteil, in dem Kinder sich über die Schule hinaus kennen: in der Nachbarschaft, im Vereinsleben, auf dem Pausenhof. Wenn Familien sich aus finanziellen Gründen gezwungen sehen, über einen Wechsel in andere Schulbezirke nachzudenken, geht etwas verloren, das sich nicht einfach ersetzen lässt: gewachsene Freundschaften zwischen Kindern, der Zusammenhalt im Ort, das Gefühl einer Gemeinschaft, die in größeren Städten oft längst verloren gegangen ist.“ Ähnlich auch die Argumentation aus der Johanniterschule.
Droht Ausdünnung?
Aber auch die Stadtverwaltung hat ganz offensichtlich kein Interesse an Schulwechseln. In ihren Schreiben an die Eltern hat Bürgermeisterin Ines Gaehn die Möglichkeit gar nicht erwähnt. Erst auf ausdrückliche Nachfrage haben wir die Auskunft erhalten. Irgendwie verständlich: Wenn zu viele Eltern von der preisgünstigen Möglichkeit Gebrauch machen, droht eine Ausdünnung der beiden Schulen. Die Göllsdorfer haben jedenfalls bereits festgestellt: „In Gesprächen mit Eltern wird deutlich, dass die finanziellen Unterschiede bei künftigen Schulentscheidungen zunehmend eine Rolle spielen.“
Die Göllsdorfer Eltern haben in dem Offenen Brief an den Gemeinderat, den Ortschaftsrat, die Eltern der Rottweiler Grundschulen sowie die „lokale Öffentlichkeit“ gefordert, dass der Gemeinderat sich vor Inkrafttreten der Satzung mit ihrem Anliegen befasst.
Und Veronika Effinger? Sie hat im Gespräch mit der NRWZ angekündigt, dass sie gegen den Bescheid zur Zahlung Einspruch erheben will. Womöglich ist dann die Möglichkeit des Schulwechsels der Knackpunkt, der das Vorliegen einer Ungleichbehandlung ausschließt.
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