Bei den Bauarbeiten am Rottweiler Friedrichsplatz sind Fragmente von mindestens vier historischen Grabplatten aufgetaucht. Sie stammen aus dem Umfeld der früheren Dominikanerkirche, der heutigen Predigerkirche – dort hatte bereits ein rätselhafter Grabplattenfund an der Predigerkirche für Aufsehen gesorgt. Zwei Steine ordnen Fachleute inzwischen einem Rottweiler Ehepaar aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zu – dem Bürgermeister Gall Möcker und seiner Frau Apolonia Endinger. Am Wochenende sind zwei der Funde erstmals öffentlich im Dominikanermuseum zu sehen.
Gesichert wurden die Bruchstücke von Thomas Schlipf, ehrenamtlicher Beauftragter der archäologischen Denkmalpflege, der die Arbeiten am Friedrichsplatz begleitet. Die Fragmente lagen im Bauschutt. Inzwischen ließen sie sich mindestens vier verschiedenen Grabplatten zuordnen.
„Dass zwischen dem Bauschutt solche Stücke auftauchen, ist natürlich etwas Besonderes“, sagt Schlipf. „Entscheidend war zunächst, die einzelnen Fragmente zu erkennen, zu sichern und ihren jeweiligen Grabplatten zuzuordnen.“
Die Inschriften las der Mediävist und Kreisarchivar Johannes Waldschütz, zweiter Vorsitzender des Geschichts- und Altertumsvereins Rottweil. Er übernahm auch die ersten Nachforschungen zur Identität der Verstorbenen. „Bei solchen fragmentierten Inschriften ist zunächst jedes lesbare Wort wichtig“, erklärt Waldschütz. „Im Zusammenspiel von Schrift, Wappen und historischen Quellen lässt sich dann Schritt für Schritt erschließen, an wen die Grabplatten erinnern.“
Ein Hund im Wappen – aber kein Rottweiler
Aufmerksamkeit erregte zunächst eine Grabplatte mit einem Hund im Wappen. Naheliegend war die Frage, ob dort eine frühe Darstellung des „Rottweilers“ zu sehen sein könnte. Die entzifferte Inschrift weist jedoch in eine andere Richtung. Auf dem Stein steht noch: „(st)arb die ersam frow apolonia von Endinge(n)“. Nach den bisherigen Erkenntnissen handelt es sich bei der Verstorbenen wahrscheinlich um Apolonia Endinger, Ehefrau des Rottweiler Bürgermeisters Gall Möcker.
Auf den Fragmenten einer ähnlich gestalteten zweiten Platte sind unter anderem die Worte „vest he(r) gall“ erhalten. Möglicherweise lautete die vollständige Inschrift „(do star)b der e(del) vest he(r) gall …“. Vieles spricht deshalb dafür, dass dies die Grabplatte von Apolonias Ehemann ist. In den historischen Quellen ist Apolonia letztmals 1545 belegt, Gall Möcker 1546.
Bestätigt sich die Zuordnung, wären am Friedrichsplatz die Grabplatten eines Rottweiler Ehepaares aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wiederentdeckt worden.
Ein Pferdekopf und das Jahr 1449
Offene Fragen wirft eine dritte, besser erhaltene Platte auf. Ihre Inschrift nennt das Jahr 1449 und den Valentinstag: „Anno dni M CCCC im XLVIIII iar uf sanct veltis dag“. Das Wappen zeigt einen Pferdekopf beziehungsweise Pferderumpf.
Ein solches Wappenbild ist auch für die Herren von Justingen belegt. Sie hielten im 14. und frühen 15. Jahrhundert die Herrschaft Bösingen und waren zugleich Rottweiler Bürger. Ob die Platte tatsächlich zu dieser Familie gehört, sollen weitere Untersuchungen klären. Von einer vierten, vermutlich jüngeren Grabplatte liegt bislang nur ein einzelnes Fragment vor.
Ungeklärt ist auch, wann die Platten aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst und als Baumaterial verwendet wurden. Denkbar sei ein Zusammenhang mit größeren Umbauten am Predigerkloster, heißt es vonseiten der Beteiligten – etwa mit dem barocken Neubau der Predigerkirche zwischen 1753 und 1755 oder mit dem Abbruch der Klostermauer um 1830.
Museumsleiterin Martina Meyr ordnet die Funde so ein: „Die Bauarbeiten verändern derzeit das Bild unserer Innenstadt. Gleichzeitig ermöglichen sie uns immer wieder ganz unerwartete Einblicke in die ältere Geschichte Rottweils.“ Aus zunächst rätselhaften Steinfragmenten träten plötzlich wieder konkrete Menschen und Rottweiler Familien hervor, die vor fast 500 Jahren hier gelebt hätten.
Zwei Platten am Denkmalwochenende zu sehen
Die Grabplatte der Apolonia Endinger und die Platte aus dem Jahr 1449 zeigt das Dominikanermuseum am Samstag, 12., und Sonntag, 13. September. Es ist die erste öffentliche Präsentation der Funde.
Die Schau ist Teil des Rottweiler Programms zur Nacht des offenen Denkmals am Samstag und zum Tag des offenen Denkmals am Sonntag. Rottweil ist in diesem Jahr Gastgeberstadt der landesweiten Eröffnung des Denkmalwochenendes. Das Motto lautet „NetzWERKE: Denkmale & Infrastruktur“.
Öffnungszeiten
- Samstag, 12. September 2026: 18 bis 23 Uhr
- Sonntag, 13. September 2026: 10 bis 17 Uhr
- Der Eintritt ist frei.
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