Im Juni haben wir an dieser Stelle berichtet, dass das bundesweite Online-Magazin watson.de Rottweil als „echtes Ausflugs-Juwel“ entdeckt hat. Wir haben uns gefreut, ein bisschen geschmunzelt und einen kleinen Einwand angemeldet. Jetzt gibt es eine Fortsetzung – und die ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert.
Denn der Beitrag von watson-Autor Dariusch Rimkus ist seit dem 21. August in aktualisierter Fassung online. Und er steht nicht mehr nur auf watson.de. Wer bei Familie.de vorbeischaut, findet dort denselben Text. Nicht ähnlich. Nicht angelehnt. Wortgleich.
Kein Klau, sondern Konzernlogik
Bevor jemand einen Skandal wittert: Das ist völlig legitim. Beide Portale gehören zum selben Haus. Die redaktionellen Inhalte für watson.de liefert die Ströer Next Publishing GmbH. Und zur Ströer Content Group gehören Medienmarken wie t-online, GIGA, kino.de, desired, familie.de und watson.
Für Rottweil heißt das: Die Stadt wird gerade konzernweit ausgerollt. watson richtet sich an eine junge Zielgruppe zwischen 20 und 36 Jahren – Familie.de erreicht Eltern, Familien, Wochenendplaner. Zwei Zielgruppen, ein Text, doppelte Reichweite. Aus Sicht der Rottweiler Tourismusförderung dürfte das der wertvollere Teil der Geschichte sein. Werbung dieser Art kann man nicht kaufen.
Die autofreie Altstadt und ihre Autos
Und dann sind da die Details, an denen der Lokaljournalist nicht vorbeikommt. Der Text lobt Rottweils „Altstadt“ als „weitgehend autofrei“. Ein schöner Satz. Nur zeigt das Bildmaterial in der Innenstadt zwei Fahrzeuge. Wir wollen nicht kleinlich sein: Die Fußgängerzone ist tatsächlich weitgehend autofrei – mit Liefer-, Anlieger- und Ausnahmeverkehr, wie ihn jede historische Innenstadt kennt. Aber wer schon mal an einem Samstagvormittag durch die Hauptstraße gegangen ist, weiß: „Weitgehend“ trägt hier einiges an Gewicht.
Der zweite Punkt ist unser alter Bekannter aus dem Juni: Was watson „Altstadt“ nennt, heißt bei uns korrekt historische Innenstadt. Die eigentliche Altstadt liegt bekanntlich weiter östlich, im Bereich des Römerpfads. Wir hatten das im Juni angemerkt. Es steht immer noch da – jetzt eben zweimal.
Und dann kam der Karneval
Richtig weh tut allerdings eine andere Stelle. Die watson-Autorin, die im Text als Rottweil-Kennerin zitiert wird, empfiehlt die Stadt allen, die „die Karnevalszeit mal außerhalb von Hochburgen wie Köln oder Mainz verbringen möchte“.
Liebe Kolleginnen und Kollegen in Berlin: Das ist der Satz, der einem in Rottweil am Fasnetsmontag ein sehr langes Gesicht einbringt. Es ist keine Karnevalszeit. Es ist die Fasnet – schwäbisch-alemannisch, mit eigener Geschichte, eigener Ordnung und einer sehr klaren Abgrenzung zum rheinischen Treiben. Der Unterschied ist hier keine Petitesse, sondern Identität.
Passend dazu ist von „Vereinen mit ihren traditionellen Trachten“ die Rede. Es sind Narrenzünfte. Und sie tragen kein Trachtenkleid, sondern das Häs. Auch die Bildunterschrift, nach der die Rottweiler Kostüme „mitunter sehr gruselig“ seien, geht am Kern vorbei: Wer den Narrensprung kennt, weiß, dass die Rottweiler Larven eher fein, hell und geradezu freundlich sind. Gruselig ist hier gar nichts. Nachtragen möchten wir auch: Rottweil ist keine „Kleinstadt im Ländle“. Mit rund 25.000 Einwohnern ist es eine Große Kreisstadt.
Trotzdem: danke
Bei aller Erbsenzählerei – und wir sind uns bewusst, dass wir hier gerade Erbsen zählen – bleibt der Befund derselbe wie im Juni. Der Text ist ein Kompliment. Er beschreibt eine Stadt, in der eine mittelalterlich geprägte Innenstadt auf Deutschlands höchste öffentlich zugängliche Aussichtsplattform in 232 Metern und auf eine 606 Meter lange Hängebrücke trifft. Dass das ungewöhnlich ist, merkt man von innen tatsächlich schlechter als von außen.
Was wir gerne noch gewusst hätten: Hat sich die Zahl der Besucher seit Juni messbar verändert? Sind mehr Gäste auf dem Testturm, mehr Menschen auf der Neckarline? Das ließ sich an einem Sonntagabend nicht mehr klären – wir bleiben dran. Bis dahin gilt: Wenn Rottweil in Berliner Redaktionen zweimal durchs Haus gereicht wird, machen wir offenbar etwas richtig. Nur die Fasnet, die sollten sie sich mal in echt ansehen.
