Neufra. Dichter Rauch dringt aus einem Raum im ersten Obergeschoss. Eine Drehleiter wird in Stellung gebracht, Feuerwehrleute bereiten die Rettung von Menschen aus dem Gebäude vor. Auf der Straße reihen sich Einsatzfahrzeuge aneinander, weitere rücken an. Die Hubarbeitsbühne macht sich einsatzbereit, während bereits Löschleitungen verlegt werden. Am Rand stehen zahlreiche Zuschauer, darunter viele Kinder, und verfolgen aufmerksam das Geschehen. Was an diesem Samstagnachmittag in Neufra zunächst wie ein größerer Gebäudebrand aussieht, ist die Jahreshauptübung der Feuerwehr Rottweil. Eine Übung allerdings, bei der möglichst wenig dem Zufall überlassen wird – und die Einsatzkräfte vor beträchtliche Aufgaben gestellt werden.
In eigener Sache: In diesen Wochen absolvieren zahlreiche Abteilungen der Freiwilligen Feuerwehren in Stadt und Land ihre Jahres- und Hauptübungen. Überall stellen sich ehrenamtliche Einsatzkräfte anspruchsvollen Szenarien, um für den Ernstfall gerüstet zu sein. So hatte etwa die Feuerwehr Oberndorf, Abteilung Hochmössingen, am selben Samstagnachmittag nicht weniger als einen Flugzeugabsturz und einen Großbrand als Übungsszenario zu bewältigen. Es sind viele solcher Übungen, in denen die Feuerwehrleute ihre Freizeit investieren, ihr Können unter Beweis stellen und das Zusammenspiel für den Ernstfall trainieren. Sie alle hätten eine ausführliche Berichterstattung verdient. Stellvertretend für dieses Engagement im gesamten Landkreis haben wir die Jahreshauptübung der Feuerwehr Rottweil besucht – und waren in Neufra dabei, als aus einem zunächst unscheinbaren Brandmelderalarm binnen weniger Minuten ein Großeinsatz mit 100 Feuerwehrleuten wurde.
Um genau 13.59 Uhr erfolgt die Alarmierung. Das Stichwort lautet zunächst Brandmeldealarm, kurz BMA. Die Feuerwehr wird zu einem Firmengebäude im Rottweiler Stadtteil Neufra gerufen. Schon während der Anfahrt ist eine starke Rauchentwicklung erkennbar. Deshalb wird die Alarmstufe unmittelbar auf B4, Brand 4, erhöht. Gebäudebrand. Menschenleben in Gefahr.
„Wir haben Stück für Stück eskaliert“, erklärt der Rottweiler Feuerwehrsprecher Jonas Wolf vor Ort. Schließlich wird Gesamtalarm für die Feuerwehr Rottweil ausgelöst. Sämtliche Abteilungen werden alarmiert, weitere Fahrzeuge und Mannschaften machen sich auf den Weg nach Neufra.
Menschenrettung hat zunächst Vorrang
Bei der ersten Erkundung ergibt sich eine weitere Verschärfung der angenommenen Lage: Mehrere Personen werden im Gebäude vermisst. Die Feuerwehr muss nun gleichzeitig die Menschenrettung organisieren, den angenommenen Brand bekämpfen und die Wasserversorgung sicherstellen.
Im ersten Obergeschoss ist ein Raum völlig verraucht. Über eine Drehleiter werden Menschen aus dem Gebäude gerettet. Auch über die Treppenhäuser bringen Feuerwehrangehörige Personen ins Freie. Die Hubarbeitsbühne steht für den Einsatz bereit.
Die Übung gewinnt rasch an Umfang. Überall sind Einsatzkräfte beschäftigt. Schläuche werden ausgerollt, Leitungen angeschlossen, Einsatzbefehle weitergegeben. Die Löschfahrzeuge stehen dicht an dicht, während an verschiedenen Stellen des Gebäudes gearbeitet wird. Sie wird Löscharbeiten übernehmen.
Die Einsatzleitung übernimmt Stadtbrandmeister Frank Müller. Unter seiner Führung werden mehrere Einsatzabschnitte eingerichtet. So können die zahlreichen Aufgaben parallel und koordiniert abgearbeitet werden. Besonders aufwendig ist auch die Löschwasserversorgung: Die Feuerwehr baut eine Wasserförderung von der Prim bis zur Übungsstelle auf. Damit wird ein Szenario trainiert, bei dem die zur Brandbekämpfung benötigten Wassermengen über eine längere Strecke herangeführt werden müssen.
Müller selbst steht dabei an der Spitze eines ganzen Teams aus einzelnen, mit leitenden Aufgaben betrauten Einsatzkräfte, die den Übubungsjob sehr ernst nehmen und engagiert und konzentriert angehen. Truppführer, Gruppenführer, Zugführer, auf ihre Stressresistenz kommt es auch bei dieser Übung an. Es ist ihnen nach deren Abschluss die Erleicherung in die Gesichter geschrieben.
Am Ende sind 100 Feuerwehrangehörige mit 21 Fahrzeugen an der Übung beteiligt. Damit ist ein Großaufgebot der Rottweiler Wehr in Neufra versammelt.
Zehn Menschen aus dem Gebäude gerettet
Bis 15.06 Uhr haben die Feuerwehrleute insgesamt zehn Personen aus dem Gebäude gerettet und dem beteiligten Rettungsdienst übergeben. Selbstverständlich handelt es sich dabei um die angenommenen Betroffenen des Übungsszenarios. Der Brand ist zu diesem Zeitpunkt laut Feuerwehr bereits gelöscht, die umfangreichen Nachlöscharbeiten laufen noch.
Feuerwehrsprecher André Wendel zieht gegenüber der NRWZ eine erste positive Bilanz. Die Übung habe insgesamt sehr gut funktioniert. Alle vermissten Personen hätten gerettet werden können. Durch die verschiedenen Einsatzabschnitte und den Aufbau der Wasserversorgung seien die Feuerwehrangehörigen gut beschäftigt gewesen.
Die Einsatzkräfte hätten auf jeden Fall viel zu tun gehabt und dabei möglicherweise auch das eine oder andere gelernt und für künftige Einsätze mitgenommen, so Wendel.
Im Ernstfall wäre möglicherweise noch Verstärkung gekommen
Stadtbrandmeister Frank Müller, der den Einsatz leitet, macht deutlich, dass eine derartige Lage auch im Ernstfall erhebliche Kräfte binden würde. Bei einem tatsächlichen Brand hätte er möglicherweise sogar weitere Feuerwehrangehörige von außerhalb Rottweils angefordert – beispielsweise ein zusätzliches Löschfahrzeug der Feuerwehr Deißlingen.
Für die Rottweiler Feuerwehr ist das Szenario damit auch eine Gelegenheit, das Zusammenspiel der eigenen Abteilungen unter hoher Belastung zu erproben. Denn anders als bei einer Übung mit vorher festgelegtem und bekanntem Ablauf wissen die anrückenden Einsatzkräfte diesmal nicht, was sie erwartet. Die Annahme, das Objekt und der Übungsablauf waren ihnen bewusst nicht vorab bekannt gegeben worden. Erst nach der Alarmierung mussten sie sich auf die vorgefundene Lage einstellen und entsprechend reagieren.
Die Verantwortlichen wollten damit möglichst realistische Bedingungen schaffen.
Ein Großlüfter mit gewaltiger Leistung
Als sich die angenommene Brandlage ihrem Ende nähert, kommt noch ein besonders leistungsstarkes Gerät zum Einsatz. Ein Großlüfter, der auf dem Großtanklöschfahrzeug der Feuerwehr Rottweil mitgeführt wird, wird in Betrieb genommen. Und das ist kaum zu überhören. Mit erheblichem Getöse arbeitet die Maschine, die bis zu 120.000 Kubikmeter Luft pro Stunde fördern kann. Das entspricht 2000 Kubikmetern in jeder Minute. Sie wird von einem besonders leistungsstarken Generator mit Strom versorgt, dessen Dröhnen sich über die gesamte Szenerie legt.
Der Lüfter wurde nach Angaben von Frank Müller gemeinsam mit dem Großtanklöschfahrzeug angeschafft. Er dient dazu, große Luftmengen zu bewegen und verrauchte Bereiche zu belüften. An diesem Samstagnachmittag kann die Feuerwehr auch den Umgang mit dieser leistungsfähigen Ausrüstung praktisch erproben.
Übungsplaner zufrieden – Kleinigkeiten gibt es immer
Vorbereitet haben die Jahreshauptübung die stellvertretenden Stadtbrandmeister Markus Württemberger, Rainer Knoblauch und Joachim Wollstädt. Sie gehören zu denjenigen, die das Geschehen beobachten, statt selbst als Einsatzkräfte in die Übung einzugreifen. Auch Volkmar Caduff, Abteilungskommandant der Einsatzabteilung Stadt, ist vor Ort und macht sich ein Bild von den Einsatzarbeiten seiner Kameradinnen und Kameraden.
Rainer Knoblauch zeigt sich im Gespräch mit der NRWZ mit dem bisherigen Verlauf sehr zufrieden. Natürlich gebe es bei einer solchen Übung immer Kleinigkeiten, die verbessert werden könnten. Insgesamt laufe die Übung aber sehr gut. Er könne sich nicht beschweren, sagt Knoblauch.
Unter den Beobachtern sind auch Feuerwehrangehörige in Zivil. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Irgendwann seien sämtliche Plätze auf den eingesetzten Fahrzeugen besetzt gewesen, erläutert Knoblauch. Nicht alle Angehörigen der Feuerwehr könnten daher selbst aktiv an der Übung teilnehmen.
Mehr als hundert Menschen verfolgen den Einsatz
Obwohl die Jahreshauptübung ausdrücklich nicht als öffentliche Schauübung angekündigt worden war, zieht das Geschehen zahlreiche Menschen an. Mindestens hundert Zuschauer haben sich im Bereich der Einsatzstelle versammelt, darunter viele Familien mit Kindern. Es wird deutlich: Sie stammen in großer Zahl aus dem Feuerwehrumfeld. Sie verfolgen, wie die Drehleiter eingesetzt wird, Menschen aus dem Gebäude gerettet werden und die Feuerwehr mit einem großen Aufgebot die angenommene Brandlage bewältigt.
Auch Vertreter der Stadtverwaltung machen sich vor Ort ein Bild von der Leistungsfähigkeit der Feuerwehr. Bürgermeisterin Ines Gaehn und Fachbereichsleiter Bernd Pfaff beobachten den Übungseinsatz. Dass sich so viele Menschen für die Arbeit der Feuerwehr interessieren, verleiht der Übung beinahe den Charakter einer öffentlichen Vorführung – obwohl das gerade nicht ihr ursprünglicher Zweck gewesen ist.
Nach einer guten Stunde werden die Schläuche eingerollt
Gegen 14.51 Uhr ist die Übung weitgehend abgearbeitet. Auch wenn noch einzelne Maßnahmen laufen, zeichnet sich bereits ab, dass die Einsatzkräfte die angenommene Lage erfolgreich bewältigt haben. Kurz nach 15 Uhr verändert sich das Bild an der Einsatzstelle zusehends. Wo zuvor noch unter Hochdruck gearbeitet wurde, beginnt das große Aufräumen. Feuerwehrleute rollen die Schläuche zusammen, die Leitern werden eingefahren, Ausrüstung wird wieder in den Fahrzeugen verstaut.
Auch die Vertreter der Stadtverwaltung haben inzwischen die wesentlichen Abläufe beobachten können. Für die Kinder der Feuerwehrangehörigen, die zuvor am Rand gestanden und zugeschaut haben, gibt es zum Abschluss noch spannende Einblicke in die Feuerwehrfahrzeuge. Sie dürfen sich die Technik aus der Nähe ansehen, während die Erwachsenen ihre Arbeiten beenden. Bei den Einsatzkräften macht sich derweil Erleichterung breit. Die Fahrzeuge werden nach und nach zur Rückfahrt vorbereitet. Es geht zurück zu den Gerätehäusern und später nach Hause.
Zurück bleibt ein erfolgreicher Übungsnachmittag, der den Beteiligten einiges abverlangt hat. Zehn gerettete Menschen – von denen manche über beide geröteten Backen strahlen -, eine leistungsfähige Wasserversorgung von der Prim, zahlreiche parallel arbeitende Einsatzabschnitte und ein Großaufgebot aus sämtlichen Rottweiler Feuerwehrabteilungen: Die Jahreshauptübung hat gezeigt, wie viel Organisation und Zusammenarbeit hinter einem größeren Feuerwehreinsatz stecken.
Und auch, dass es selbst bei einem insgesamt sehr guten Verlauf immer noch etwas zu lernen gibt.











































































