Die GEMA hat ausgewertet, welche Songs im vergangenen Jahr bei Livemusik-Veranstaltungen in deutschen Städten am häufigsten gespielt wurden. In Rottweil steht „Dem Land Tirol die Treue“ auf Platz eins. Ein Blick auf die Top Ten verrät mehr über die Stadt, als ihr lieb sein dürfte – eine Glosse.
Rottweil, älteste Stadt Baden-Württembergs, Heimat des höchsten Testturms Deutschlands, der allerhöchsten Aussichtsplattform gar, Stadt mit Hund und Selbstbewusstsein. Und wenn hier live musiziert wird, dann singt Rottweil: von Tirol.
„Dem Land Tirol die Treue“ ist laut GEMA der meistgespielte Song bei den 265 Livemusik-Veranstaltungen, die Veranstalter im vergangenen Jahr aus Rottweil gemeldet haben. Treue also – rund 350 Kilometer über die Landesgrenze hinweg. Auf Platz zwei und drei folgen „Böhmischer Traum“ und „Böhmische Liebe“. Die Sehnsucht wandert weiter, jetzt nach Osten. Auf Platz neun taucht mit „Westerland“ der einzige Popsong der Liste auf, und auch der handelt bekanntlich davon, dringend woanders sein zu wollen. Zwischendurch schaut man noch kurz bei der Tochter Zion vorbei.
Man kann es freundlich formulieren: Rottweil ist musikalisch weltoffen. Man kann es auch anders formulieren: In der Top Ten der Rottweiler Livemusik kommt Rottweil nicht vor.
Vier Weihnachtslieder in den Top Ten
Der zweite Befund ist womöglich noch entlarvender. Auf den Plätzen fünf, sieben, acht und zehn stehen „Kling Glöckchen kling“, „Alle Jahre wieder“, „Ihr Kinderlein kommet“ und „Tochter Zion“. Vier Weihnachtslieder. Wer aus dieser Liste auf das Rottweiler Kulturjahr schließt, kommt zu dem Schluss: Es findet im Dezember statt. Mit Blasmusik. Und danach ist wieder Ruhe bis zum nächsten Advent.
Zum Vergleich lohnt der Blick über die Gemarkungsgrenze. In Schramberg, wo 176 Veranstaltungen gemeldet wurden, steht ganz oben ein Lied, von dem niemand so recht weiß, welches es ist: „Ich tu’s für dich“. Die GEMA nennt dazu keinen Interpreten – sie tut das nur, wenn er eindeutig bestimmbar ist. Und das ist er hier nicht. Unter diesem Titel firmieren mindestens drei völlig verschiedene Lieder, von der B-Seite einer Schlagersingle aus dem Jahr 1965 bis zur Punk-EP einer norddeutschen Band. Schramberg führt ein Phantom an.
Der Rest der Schramberger Liste ist dafür umso greifbarer. Auf Platz zwei folgt „Griechischer Wein“, dahinter drängeln sich „Fly Me to the Moon“, „Über sieben Brücken musst du gehn“ und „Imagine“. Kein einziges Weihnachtslied. Schramberg hat also, das muss man neidlos anerkennen, das breitere Repertoire – und offenbar die längere Nacht.
Noch deutlicher wird es in Tuttlingen. Dort stehen „Seven Nation Army“, „Sweet Caroline“, „Don’t Stop Believin'“ und „Tage wie diese“ in den Top Ten. Das ist keine Musikliste mehr, das ist ein Stadionchor. Villingen-Schwenningen wiederum meldete mit 574 Veranstaltungen mehr als doppelt so viele wie Rottweil und mischt Robbie Williams und die Chainsmokers unter den Böhmischen Traum – die große Koalition der Feste.
Was die Zahlen wirklich sagen
Bevor jetzt die ersten Leserbriefe eintreffen, sei es gesagt: Die Auswertung misst nicht den Geschmack der Rottweilerinnen und Rottweiler. Sie misst, was Veranstalter der GEMA gemeldet haben. Und Musikvereine melden vorbildlich, Kirchengemeinden auch. Wer im Hinterzimmer einer Kneipe zur Gitarre greift, taucht in dieser Statistik eher selten auf. Die Liste zeigt also weniger, was Rottweil hört – sondern eher, was Rottweil ordentlich abrechnet.
Ein Trost bleibt trotzdem. Oberndorf, Sulz, Aichhalden und Zimmern ob Rottweil kommen in der GEMA-Auswertung überhaupt nicht vor. Der Datensatz umfasst nur Städte mit mehr als 20.000 Einwohnern und mehr als 100 gemeldeten Veranstaltungen. Statistisch gesehen wird dort also gar nicht gesungen.
Und in Rottweil? Da hält man dem Land Tirol die Treue. Immerhin: Treue ist ja auch etwas wert.
