Ernste Blicke, steife Haltung: Während Fotos heute oft mit Lächeln und Lässigkeit in Szene gesetzt werden, konnten Portraits in den 1920er Jahren recht förmlich wirken – jedenfalls auf dem Land: Das zeigen Beispiele des Irslinger Amateur-Fotografen Thimotheus Mauch. Nachdem die NRWZ bereits Aufnahmen zur Abschiedskultur aus seinem Nachlass ins Licht gerückt hat, geht es im zweiten Beitrag um Motive mitten im Leben.

Sieht man die überlieferten Glasnegative von Thimotheus Mauch durch, fällt eines ins Auge: Fast immer sind Leute zu sehen. Ihnen galt die gesammelte Aufmerksamkeit des Inhabers einer Schreinerei, der sich das vor hundert Jahren noch teure Steckenpferd der Fotografie leisten konnte. Ausnahmen lassen sich an einer Hand abzählen. Selbst wenn der Irslinger ein Anwesen ablichtete, staffierte er Personen davor – mutmaßlich die Bewohner des Hofes, den er fotografierte.

Ansonsten aber standen Menschen im Mittelpunkt. So hielt Mauch etwa auf seinen neun auf zwölf Zentimeter messenden Glasnegativen mehrere Kinder zur Erstkommunion fest: mit Festtagskleid, Kerze und Glaubenszeichen. Entstanden sind diese Aufnahmen sicher nicht vor 1910, da in diesem Jahr Papst Pius X. das Mindestalter für den Empfang der Erstkommunion auf das „Vernunft- oder Unterscheidungsalter“ von etwa sieben abgesenkt hatte – zuvor empfingen Kinder das Sakrament meist mit zwölf bis 14 Jahren.

Bei anderen Aufnahmen lässt sich der Anlass nicht festmachen. Mehrere Ganz- oder Halbportraits zeigen Frauen. Kleidung und Frisuren sprechen für die die späten 1910er- oder frühen 1920er-Jahre. Männerportraits finden sich nur vereinzelt – auch ist ein Selbstportrait von Thimotheus Mauch nicht zuzuordnen.

Interessant ist eine Gruppe von Doppel-Bildnissen von Frauen verschiedenen Alters. In welcher Beziehung die Gezeigten zueinander standen – ob sie etwa Geschwister, anderweitig verwandt oder befreundet waren, bleibt offen. Oft lässt sich aber Sympathie zwischen den abgebildeten Menschen ablesen.

Thimotheus Mauch hatte fotografischen Ehrgeiz. Er versuchte, seine Motive vorteilhaft und professionell in Szene zu setzen, etwa, indem er die Portraitierten nicht frontal, sondern mit einer leichten Drehung aufstellte. Oder indem er ihnen eine Blume in die Hand gab – was mit heutigen Sehgewohnheiten seltsam anmuten kann, aber lange ein gebräuchliches Stilmittel war.
Bemüht war Mauch zudem, den Unter- und Hintergrund zu gestalten. So drapierte er Menschen immer wieder auf Teppichen und vor aufgehängten Decken. Das erinnert an Studiofotografie, bei der man Störfaktoren ausschalten und viele Aspekte der Aufnahme steuern kann.
Von Gestaltungswillen sprechen besonders die Gruppenfotos, die sich erhalten haben. Oft sind es wohl Familien, die Thimotheus Mauch ablichtete – in sorgsamer Gruppierung, bei der die Mutter und vor allem der Vater eine zentrale Position einnehmen und die Kinder sehr durchdacht um sie herum gruppiert wurden. Diese Fotografien sprechen von Rangordnungen und Respekt.

Nicht zuletzt verdeutlichen die Aufnahmen, dass Fotografiertwerden auf dem Land auch im frühen 20. Jahrhundert noch ein seltenes, hochgradig inszeniertes und beinahe feierliches Ereignis, war – anders als in großen Städten, wo Fotografie zunehmend alltäglich wurde und nach ungewohnten Perspektiven und Motiven Ausschau hielt.
Auf dem Dorf wurden Aufnahmen hingegen oft noch von reisenden Fotografen, sogenannten „Ambulanten“ oder „Knipskastenonkeln“ durchgeführt. Oder man ging in Ateliers in die Stadt – zum Beispiel von Foto Kürten in Rottweil, wo Mauch einige Abzüge machen ließ, die noch samt Verpackung mit Firmenangabe vorliegen.
Thimotheus Mauch verkörpert den Sonderfall eines Amateurs, der die Wünsche nach Dokumentation von Lebensetappen und Familien-Konstellationen in seinem dörflichen Umfeld erfüllen konnte.

Sein Blick blieb dabei auf Menschen konzentriert. Feste im Jahreslauf oder der Alltag auf dem Dorf, mitsamt bäuerlichem Leben und Handwerk waren anscheinend keine Motive, die ihn reizten. Aus heutiger Perspektive wären diese Themen nicht weniger interessant als die Portraits, die Mauch hinterlassen hat.
Aber auch sie erzählen bei näherem Hinsehen sehr viel: Von einer Zeit ohne den heutigen Wohlstand. Von Rollen und Erwartungen. Und auch vom Wunsch, sich schick zu kleiden, eine gute Figur zu machen, Verbundenheit zu pflegen – und sich des Lebens zu freuen.