Die Gesundheitsversorgung in der Region ist höchst unterschiedlich aufgestellt – gerade kleinere Einrichtungen und Häuser halten dem hohen Kostendruck oft nicht mehr stand, was schon im Juni überregional für Proteste sorgte . Keine Gefahr droht dem Vinzenz von Paul Hospital als Teil der psychiatrischen Grundversorgung im Land. Doch auch hier soll gemäß gesetzlicher Vorgaben künftig mit weniger Geldzuflüssen dasselbe Angebot bei gleichbleibender Qualität aufrechterhalten werden. Wie, bleibt zu klären. Ein Ortstermin.
Viel Zeit nimmt sich das Leitungsteam für ein persönliches Gespräch, neben Geschäftsführer Thomas Brobeil sitzen auch der kaufmännische Leiter Ralph Kammerer sowie Pressesprecher Rainer Pfautsch mit am Tisch. Brobeil durfte kürzlich bei der Jubilarehrung auch sich selbst zu 30 Arbeitsjahren im Rottenmünster gratulieren, genauso lang gibt es auch den ‚Freundeskreis Rottenmünster‘, dem er vorsitzt.
Pfautsch ist sogar schon seit 36 Jahren dabei. Kammerer, erst seit Februar in die Hospitalleitung tätig, wuchs immerhin in unmittelbarer Nähe auf, leistete im Vinzenz von Paul Hospital seinen Zivildienst und ging schon als kleiner Bub mit seiner Großmutter im Park des Rottenmünsters spazieren. Dessen Geschichte reicht weit in die Vergangenheit zurück.

Ein Ort mit mehr als 800 Jahren Geschichte
Um 1221 wurde das Zisterzienserkloster gegründet, 1442 durch einen Privilegienbrief von Friedrich III. von Habsburg zu einem reichsunmittelbaren Stift. Ähnlich wie die freie Reichsstadt Rottweil unterstand das Kloster direkt dem Kaiser, die Äbtissin von Rottenmünster war Landesherrin über das Kloster und seinen Besitz – ein bewusster Gegenpart zur freien Reichsstadt, deren ungebremste Ausdehnung so verhindert werden sollte.
1802 wurde das Kloster säkularisiert, seit 1898 als Heilanstalt genutzt. Das heutige Vinzenz von Paul Hospital liegt in einer zwölf Hektar großen, parkähnlichen Landschaft mit insgesamt 28, teils denkmalgeschützten historischen Gebäuden. Ein großer Teich gehört auch dazu samt Enten, derentwegen Brobeil auch gleich noch ein Gespräch mit dem Veterinäramt zu führen hat – eine der vielfältigen Aufgaben eines Geschäftsführers, wie er mit einem Augenzwinkern bemerkt.
Gleichwohl fordern andere Aufgaben spürbar stärker das Augenmerk des gut vernetzten Managers, zugleich zweiter Vorsitzender der baden-württembergischen Krankenhausgesellschaft, die notgedrungen mit vielen anderen Verbänden und Gewerkschaften Front macht gegen das im Juli verabschiedete Beitragssatzstabilisierungsgesetz.
Dieses „Gesetz zur Stabilisierung der Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung“ soll letztere festigen, entzieht jedoch Kliniken den Spielraum für Lohnerhöhungen oder anders gelagerte Investitionen.

Wie in vielen vergleichbaren Einrichtungen machen im Vinzenz von Paul Hospital dabei Personalkosten rund 80 Prozent der Gesamtkosten aus. Werden Lohnsteigerungen nur noch teilweise refinanziert, wandern Fachkräfte ab, oder es wird an anderer Stelle gespart. In jedem Fall droht die Versorgungsqualität zu sinken. Denn Geld wird nicht zuletzt für die Infrastruktur benötigt: Allein in den letzten drei Jahrzehnten flossen rund 200 Millionen Investitionen in das Vinzenz von Paul Hospital und seine zahlreichen Aktivitäten.
Rottweils größter Arbeitgeber
Seit rund einem Jahrzehnt ist das „Rottenmünster“ Rottweils größter Arbeitgeber, nachdem sowohl der hiesige Standort von Mahle als auch die Telekom über die Jahre ordentlich Federn ließen: Knapp 1.600 Mitarbeitende, drei Viertel davon weiblich, und rund 100 Auszubildende hat das „psychiatrisch-neurologisches Kompetenzzentrum mit über 125 Jahren Tradition“, dazu 467 Betten am Standort in Rottweil. Träger und Gesellschafter ist die Genossenschaft der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul in Untermarchtal e.V., einer katholischen Ordensgemeinschaft in der Diözese Rottenburg-Stuttgart.
Als gemeinnützige GmbH geführt, hat das Vinzenz von Paul Hospital einen klaren Versorgungsautrag vom Land wie andere Zentren für Psychiatrie in Baden-Württemberg, die nächstgelegenen befinden sich in Calw, Reichenau und Emmendingen. Entsprechend groß ist das Einzugsgebiet mit rund 600.000 Einwohnerinnen und Einwohner der Landkreise Rottweil, Schwarzwald-Baar, Zollernalb sowie aus dem nördlichen Landkreis Tuttlingen.
Zu den Fachzentren für Psychiatrie, Psychosomatische Medizin, Psychotherapie, Abhängigkeitserkrankungen, Altersmedizin, Neurologie in Rottweil gesellen sich drei eigene Tageskliniken in Villingen-Schwenningen, Balingen, Spaichingen und weitere sechs psychiatrische Institutsambulanzen in Rottweil, Villingen-Schwenningen, Tuttlingen, Balingen, Albstadt und Hechingen.
In der gesamten Region verankert
Als wäre das nicht schon genug, betreibt das Hospital noch Einrichtungen für Ambulant Betreutes Wohnen, Betreutes Wohnen in Familien, eine Tagesstätte für psychisch Kranke, das Luisenheim für psychiatrische Pflege, das Spital am Nägelesgraben mit 100 Heimplätzen sowie die eigenen Vinzenz-Werkstätten im Hospital, auf der Saline und in Schramberg.
Bei einem derartig breiten Angebot verwundert es nicht, dass das Rottenmünster Menschen aus rund 100 unterschiedlichen Berufen beschäftigt, jungen Menschen schon sehr frühzeitiges Kennenlernen und vielfältige Einstiege ermöglicht – über BORS- und BOGY-Praktika, Schnupperpraktika, Praxissemester, Abschlussarbeiten, Ferienjobs sowie Bundesfreiwilligendienst und ein Freiwilliges Soziales Jahr.
Allein die hauseigene Berufsfachschule für Pflege (Rupert-Mayer-Schule) hält jährlich 20 Plätze für die Pflegefachausbildung vor, rund zehn weitere Ausbildungsberufe gesellen sich hinzu. Auch die – selbstredend ebenfalls zum Haus gehörige – Hospital-Akademie wartet mit über 100 Fortbildungen in den Bereichen Medizin, Pflege, Management auf.
Nachhaltigkeit im Fokus
Mit Gemeinwohl-Ökonomie befasst sich die Geschäftsführung schon seit längerem, das Thema Nachhaltigkeit ist in der Unternehmenskultur ohnehin gesetzt. Als erstes Krankenhaus in Baden-Württemberg erhielt das Vinzenz von Paul Hospital bereits vor zwanzig Jahren das BUND-Gütesiegel „Energiesparendes Krankenhaus“, auf dem zugehörigen Hubertushof entsteht derzeit ein großer Solarpark, der die zwei gasbetriebenen Blockheizkraftwerke auf dem Gelände entlasten und die Autarkie des Standorts stärken soll.
Dabei hat das Rottenmünster ein sehr offenes Verhältnis zur Außenwelt – zahlreiche Konzerte und Veranstaltungen für die Öffentlichkeit finden im Jugendstilsaal statt, der Park steht der Bevölkerung für Spaziergänge offen, fast schon legendär ist der jährlich gut besuchteWeihnachtsmarkt am ersten Adventswochenende.
Mit einer ähnlich klingenden Schwestergesellschaft, der Vinzenz von Paul Kliniken gGmbH als Gesellschafter des Stuttgarter Marienhospitals, hat das Vinzenz von Paul Hospital indes nur die Verankerung über Untermarchtal gemeinsam – so war die kurz aufkommende Unruhe in Rottweil nach einem Insolvenzantrag der Stuttgarter Klinik in Rottweil Mitte Juni des Jahres recht rasch wieder beendet. Der Betrieb läuft übrigens wie in Rottweil auch im Marienhospital unvermindert weiter.