Kreis Rottweil/Geislingen. Zehn Jungstörche haben im August die Horste in Waldmössingen, Seedorf, Dunningen, Mühlheim und Geislingen verlassen und sind Richtung Süden gezogen. Vier Tiere haben das Jahr dagegen nicht überlebt. Das geht aus der Jahresbilanz des ehrenamtlichen Storchenbetreuers Hartmut Polet aus Sulz-Mühlheim hervor, der vier Nester im Kreis Rottweil und ein Nest in Geislingen (Zollernalbkreis) betreut.
Von 15 registrierten Störchen sind demnach vier verendet. Das entspricht einer Ausfallquote von 26,7 Prozent.
Zwei Jungstörche verunglücken beim ersten Flug
Zwei Jungstörche kamen nach Polets Angaben bereits bei ihrem ersten Flug ums Leben. Dass gerade die ersten Flugversuche riskant sind, hatte der Storchenbetreuer schon in den Vorjahren betont: Die Flugversuche auf Strommasten sind für die jungen Störche nicht ungefährlich.
Ein weiterer Jungstorch wurde wegen Futtermangels aus dem Nest geworfen und musste eingeschläfert werden. Über einen solchen Fall hatte die NRWZ im Juni berichtet: Ein Jungstorch war aus dem Waldmössinger Nest geworfen und schwer verletzt aufgefunden worden – trotz schneller Hilfe und Versorgung in der Storchenpflegestation konnte das Tier nicht gerettet werden. Der rechte Flügel war nach Angaben Polets nahezu abgeschert, der Jungstorch musste eingeschläfert werden.
Der vierte Todesfall ereignete sich in Geislingen: Dort stürzte ein Storch aus Mössingen tödlich an einem Hochspannungsmast ab. Ein weiterer Storch kehrte in Mühlheim nicht mehr ins Nest zurück; sein Verbleib ist ungeklärt.
Gerettet: Storch aus Amtszell in Wittershausen aufgegriffen
Es gab in dieser Saison aber auch eine Rettung mit gutem Ausgang. In Wittershausen konnte ein völlig abgemagerter Storch mit einem Gewicht von nur 1,5 Kilogramm eingefangen werden. Das Tier stammt ursprünglich aus der Gemeinde Amtszell im Landkreis Ravensburg. Nach vier Wochen Pflege wurde es wieder am Fundort ausgewildert.
Wie eng das Netz aus Helferinnen und Helfern in solchen Fällen ist, hatte sich zuletzt Ende Juli gezeigt: Aufmerksame Anwohner entdeckten damals einen völlig entkräfteten Storch am Ortsrand von Geislingen, direkt neben Gelben Säcken am Straßenrand. Polet organisierte gemeinsam mit Ludwig Schrägle den Transport zur Tierärztin Dr. Anne von Stromberg nach Sulz-Holzhausen; am folgenden Morgen ging es weiter in eine Pflegestation für Wildvögel nach Mössingen.
Erstmals Beringung auf zwei Strommasten
Eine Premiere gab es bei der diesjährigen Beringung: Erstmals wurden auch Jungstörche auf zwei Strommasten beringt. Dass Störche in der Region verstärkt Leitungsmasten als Nistplatz wählen, beobachtet Polet seit Jahren. Statt sich nur auf Kirchendächern, hohen Bäumen oder Gebäuden ein Plätzle zu suchen, hätten die Störche im Kreis Rottweil zunehmend Geschmack an Leitungsmasten gefunden. Unproblematisch ist das nicht: Der Nestbau kann zu Kurzschlüssen führen, längere Stromausfälle wären die Folge.
Bei der Beringung im Juni hatten die Netze BW Schramberg mit technischer Unterstützung geholfen, als Polet die Jungstörche in den Nestern von Seedorf und Dunningen beringte. Die vier Jungstörche erhielten damals die Ringnummern ALJ 30 bis ALJ 33. Laut Polet überleben rund 70 Prozent der Störche ihren ersten Flug nach Afrika oder Spanien nicht.
Gemessen daran fällt die lokale Bilanz mit 26,7 Prozent Ausfall bislang deutlich günstiger aus – allerdings bezieht sich diese Quote auf die Zeit vor und bis zum Beginn des Zugs. Wie viele der zehn ausgeflogenen Jungvögel den Weg in den Süden tatsächlich überstehen, wird sich erst im kommenden Frühjahr zeigen.
Mühlheimer Störche bleiben auch 2026 über den Winter
Nicht alle Tiere machen sich überhaupt auf den Weg: Die Mühlheimer Störche werden auch 2026 in der Region überwintern. Das ist inzwischen fast schon Tradition. Manche Störche ziehen nicht mehr wie frühere Generationen im Herbst gen Süden, sondern überwintern bei uns – in Sulz-Mühlheim hatte Polet ein Storchenpaar beobachtet, das schon zum dritten Mal auf dem Mühlheimer Kirchturm überwinterte. Im Januar zählte er dann vier Winterstörche im Landkreis Rottweil, die unter anderem auf einem Dach neben dem warmen Kamin übernachten.
Aktuelle Aufnahmen des Storchenbetreuers stammen vom 2. September aus der Biberseelandschaft am Weiherhof.
Bitte um Rücksicht in der Zugzeit
Zur Zugzeit häufen sich erfahrungsgemäß die Zwischenfälle. Polet hatte Autofahrerinnen und Autofahrer in den Vorjahren wiederholt um Vorsicht gebeten, weil etliche Jungstörche dabei sind, die noch wenig Flugerfahrung haben. Und: Kommt es zu einem Zusammenstoß, sollen verletzte oder tote Tiere der Polizei gemeldet werden – ein geschulter Storchenbetreuer berge die Tiere dann.
Dass Polets Einsatz für die Störche keine Kleinigkeit ist, wurde zuletzt ebenfalls Thema: Er kümmert sich seit Jahren ehrenamtlich um verletzte und in Not geratene Störche in der Region; die dabei entstehenden Fahrkosten für Rettungseinsätze und Transporte werden nach seinen Angaben bislang nicht erstattet.
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Bilder: Hartmut Polet, aufgenommen am 2. September 2026 in der Biberseelandschaft am Weiherhof.



